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Vorgänge in NÖ Pflegeheim: Ehemalige Kollegin der Angeklagten befragt

Der Prozess wurde vertagt.
Der Prozess wurde vertagt. ©APA/GEORG HOCHMUTH (Themenbild)
Am Mittwoch wurde im Prozess um die Vorgänge im Pflegeheim Kirchstetten eine ehemalige Kollegin der vier Angeklagten befragt. Auch eine Beamte der Pflegeanwaltschaft wurde befragt. Am Ende wurde der Prozess vertagt.
Zwei Leichen exhumiert
Vorwurf des Quälens nicht bestätigt
Medizinisches Gutachten
Unterstützung für Wiener Heimleiterin
U-Haft beantragt
Zwei Festnahmen

Im Prozess um die Vorgänge im Pflegeheim Kirchstetten (Bezirk St. Pölten) ist am Mittwochvormittag am Landesgericht St. Pölten eine ehemalige Kollegin der vier Angeklagten als Zeugin befragt worden. "Ich habe lange genug geschwiegen", sagte die 46-Jährige. Schließlich habe sie sich aber doch entschieden, "den Spieß umzudrehen" und die Missstände ans Licht zu bringen. Davor will sie Beweismaterial in einer dienstlichen WhatsApp-Gruppe gesammelt haben.

Vier Personen sollen Bewohner gequält haben

Vier Personen im Alter von 30 bis 56 Jahren - ein Mann und drei Frauen - müssen sich seit Mitte September in der Causa vor Gericht verantworten. Sie sollen in der Einrichtung im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit als Pfleger bzw. Pflegehelfer mehrere alte Menschen geschlagen und beschimpft haben, die hilflosen Betroffenen gequält und Bewohner zu heiß geduscht haben. Da die Opfer nicht mehr mitteilungsfähig waren, stützt sich die Anklage im Wesentlichen auf Anzeigen zweier anderer Mitarbeiterinnen des Heims - darunter auch die am Mittwoch befragte 46-Jährige - und auf Protokollen der dienstlichen WhatsApp-Gruppe.

Angelastet wird dem Quartett das Quälen oder Vernachlässigen sowie der sexuelle Missbrauch wehrloser oder psychisch beeinträchtigter Personen. Vorgeworfen wird den Beschuldigten zudem Körperverletzung, in Bezug auf den 30-Jährigen steht auch noch Urkundenfälschung im Raum. Im Fall einer Verurteilung drohen bis zu zehn Jahre Haft.

46-Jährige wurde schnell auf rauen Umgangston aufmerksam

Die am Mittwoch befragte 46-Jährige war im September 2014 nach Kirchstetten gekommen. Als Pflegehelferin hatte sie zunächst auf einer anderen Station begonnen, im Februar 2016 wechselte sie auf jene Abteilung, in der auch das nun angeklagte Quartett tätig war. Bereits nach rund einer Woche habe sie vor allem im Umgangston einen großen Unterschied gemerkt. So sei sie etwa von den Beschuldigten darauf hingewiesen worden, "dass bei uns Zucht und Ordnung herrscht". Den Bewohnern werde man "schon den Teufel austreiben". "Es sind Sachen gefallen, die man normal nicht in den Mund nimmt", bekräftigte die 46-Jährige.

Auch in Sachen Pflege sei vieles alles andere als lupenrein zugegangen, berichtete die Zeugin von diversen Übergriffen. Hämatome am Körper der Bewohner seien nicht immer dokumentiert worden, u.a. auf Anweisung des angeklagten 30-Jährigen. "Papier ist geduldig", resümierte die Befragte. Besorgten Angehörigen seien immer wieder Ausreden aufgetischt worden.

In WhatsApp-Gruppe wurden Obszönitäten ausgetauscht

Zur dienstlichen WhatsApp-Gruppe, in der Obszönitäten ausgetauscht wurden, war sie im Sommer 2016 hinzugefügt worden. "Ich habe voll mitgespielt in diesem Chat", gab die Zeugin zu. "Weil mir klar war, nur so kann ich Beweise sammeln."

Ein Aufzeigen des Geschehens habe sie sich längere Zeit nicht getraut. "Aber irgendwann kann man nicht mehr", blickte die 46-Jährige zurück. Trotz Einschüchterungsversuchen der Beschuldigten habe sie sich schließlich an einen Vorgesetzten gewendet, danach seien die Ermittlungen ins Rollen gekommen.

"Es war einiges im Argen"

Im St. Pöltner Prozess um die Vorgänge im Pflegeheim Kirchstetten (Bezirk St. Pölten) ist am Mittwoch eine leitende Beamte der Pflegeanwaltschaft als Zeugin befragt worden. Sie hatte die Einrichtung im November 2016, wenige Wochen, nachdem die Causa bekannt geworden war, als externe Sachverständige besucht. "Es war signifikant einiges im Argen dort", sei dabei ihr Eindruck gewesen.

Die 42-Jährige - ausgebildete Diplomkrankenschwester und Mediatorin - war eigenen Angaben zufolge Ende 2016 seitens des Landes Niederösterreich beauftrag worden, in dem Pflegeheim nach dem Rechten zu sehen. Die vier Angeklagten waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Einrichtung tätig. Vor der Anreise habe sie über den Fall nur das gewusst, "was in den Medien berichtet wurde".

Unterkühltes Verhalten, negative Sprache

Erstmals in Kirchstetten angekommen, habe sich ein klassischer grauer Novembertag abgezeichnet. "Die Stimmung von draußen findet sich auch in diesem Wohnbereich", will die Zeugin damals gedacht haben. Das Verhalten der Mitarbeiter sei unterkühlt gewesen, große Verunsicherung habe bei allen Beteiligten vorgeherrscht. Besonders negativ sei die verwendete Sprache aufgefallen. Diese habe sich nicht zuletzt durch "sehr wenig Gespür für die Bewohner" ausgezeichnet.

In Erinnerung blieb der Niederösterreicherin auch die Schilderung einer Angehörigen, der ein Bewohner von diversen Vorfällen berichtet hatte. "Es ist ein Wahnsinn, was heute Nacht wieder los war", soll dabei der Tenor gelautet haben.

Sie habe eindringlich Supervision für die Beschäftigten empfohlen, betonte die Expertin. "Das hat eine Lawine ausgelöst, ich glaube, da wurde dann vieles in Angriff genommen."

56-Jährige wies zahlreiche Vorwürfe zurück

Nach der Vernehmung der Zeugin trug die 56-jährige Angeklagte eine Stellungnahme vor, in der sie zahlreiche Vorwürfe überaus detailliert zurückwies und auf Ungereimtheiten in den Aussagen der Zeugen aufmerksam machte. Verteidiger Stefan Gloß formulierte im Anschluss diverse Beweisanträge und begehrte darin Vernehmungen von Zeugen sowie die Bestellung von Sachverständigen aus mehreren Fachgebieten.

Verhandlung vertagt

Die Entscheidung über die Beweisanträge behielt sich das Schöffengericht vor, die Verhandlung wurde vertagt. Fortgesetzt wird der Prozess erst im kommenden Jahr, als nächster Termin wurde der 14. Jänner angekündigt.

(APA/Red)

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