Vorarlbergs Greta Thunberg

Klarer Kurs zum Ändern: Alexandra Seybal will die Politik und die Gesellschaft im Ländle und darüber hinaus verändern. Dafür steckt sie jede freie Minute in Aktivisimus, inSchulpolitik, Gleichberechtigung und #fridaysforfuture.
Klarer Kurs zum Ändern: Alexandra Seybal will die Politik und die Gesellschaft im Ländle und darüber hinaus verändern. Dafür steckt sie jede freie Minute in Aktivisimus, inSchulpolitik, Gleichberechtigung und #fridaysforfuture. ©Breuß/sams
Alexandra Seybal mischt gerade neben der Schule die Politik und Gesellschaft in Vorarlberg auf. W&W sprach mit ihr über Rassismus, Rollenbilder und dringend notwendige Veränderungen.

Von Anja Förtsch (Wann&Wo)

WANN & WO: Ob du zur EU-Wahl gegangen bist, brauche ich glaube ich nicht zu fragen. Aber wie zufrieden bist du denn mit dem Ausgang?

Alexandra Seybal: Mich hat sehr überrascht, das HC Strache es mit den Vorzugsstimmen und dem Wahlkampf ins EU-Parlament schaffen kann. Dass man eigentlich machen kann, was man will, und trotzdem gewählt wird, ist wirklich krass. Abgesehen davon ist es schön, dass so viele Menschen wählen gegangen sind.

WANN & WO: Wenn man sich die Wählerstruktur anschaut, stellt man fest, dass die unter 30-Jährigen kaum die vorherrschenden Parteien gewählt haben, sondern vor allem grün. Verändert sich da etwas?

Alexandra Seybal: Das finde ich auf jeden Fall sehr interessant und das gibt mir auch Hoffnung. Wichtiger ist, dass die Menschen, und natürlich auch die jungen, überhaupt wählen gehen. Wir motivieren, zur Wahl zu gehen, aber machen keine Parteiwerbung. Dennoch ist es natürlich gut, dass so viele junge Menschen sich für innovative und menschenrechtsfreundliche Ideen entschieden haben. Diese Werte unterstütze ich auch selbst.

WANN & WO: Wie können junge Menschen zum Wählen bewegt werden?

Alexandra Seybal: In der Bildungspolitik etwa werden ganz oft Sachen beschlossen, die junge Menschen gar nicht wollen. Dann frage ich sie: „Willst du das eigentlich? Wenn nicht – geh wählen! Denn du kannst es ändern, mit deiner Stimme.“ Auch im Hinblick auf den Ibiza-Skandal muss man sagen: „Wenn du das nicht haben willst, dann musst du deine Stimme erheben und wählen gehen.“ Die Politik muss es aber auch schaffen, Vertrauen zu wecken. Denn sonst gehen Junge nicht wählen.

WANN & WO: Findest du, dass derzeit unter den Jugendlichen Vertrauen in die Politik herrscht?

Alexandra Seybal: Es ist schwierig zu sagen „die Jugendlichen“, weil das einfach keine homogene Gruppe ist. Aber wenn ich mir das letzte Wochenende anschaue, kann ich das nicht behaupten.

WANN & WO: Du hattest dich auch an den Sonntagsdemos beteiligt.

Alexandra Seybal: Ja, ich war bei der zweiten Sonntagsdemo vor dem Asylamt in Feldkirch als Rednerin dabei. Da habe ich gefragt: „Wieso tut eigentlich niemand etwas, wieso fühlt sich niemand für diese Menschen verantwortlich?“ Ich finde es extrem wichtig, dass die Demos weitergehen. Denn es geht auch um junge Menschen, die während ihrer Ausbildung abgeschoben werden – immer noch! Das macht wirtschaftlich und vor allem auch menschlich keinen Sinn.

WANN & WO: Apropos Schüler-innen und Schüler: Es gab in der letzten Zeit Schlagzeilen darüber, dass Kinder und Jugendliche in Vorarlberg von Lehrerinnen und Lehrern gemobbt worden seien.

Alexandra Seybal: Ja, Schüler-innen und Schüler sind damit auch an uns herangetreten. Erste Instanzen wie die Bildungsdirektion sind da eigentlich die richtige Anlaufstelle, aber wir bieten auch Service wie unseren Schulrechtsnotruf. Auch das Thema Leistungsdruck ist wichtig. So viele junge Menschen haben bereits psychische Erkrankungen und wenn ich sie frage, wie oft sie schon in der Schule geweint haben, dann sagt kaum jemand: noch nie. Insgesamt braucht es mehr Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen an den Schulen. Jeder Mensch, der hier in Österreich einmal etwas wird – ob Bankdirektor, Sozialarbeiter oder Lehrperson – ist einmal zur Schule gegangen. Dort muss man ansetzen.

WANN & WO: Findest du, dass junge Menschen nicht ernst genug genommen werden?

Alexandra Seybal: Definitiv! Wenn ich zum Beispiel an Greta Thunberg denke: Sie warnt Politikerinnen und Politiker vor der Klimaerwärmung und ruft sie auf, zu handeln. Die hören sich das an, aber trotzdem steigen die CO2-Emissionen. Also offenbar wird uns zugehört, aber wir werden zu wenig ernst genommen. Dabei wünsche ich mir eine lebenswerte Zukunft für alle! Die kann es aber nur geben, wenn es auch unseren Planeten gibt. Deshalb: Raise your voice, not the sea level!

WANN & WO: Du warst bei den Sonntagsdemos, bist das Gesicht der #fridaysforfuture-Bewegung in Vorarlberg und hast die Klimademos organisiert. Wie bist du zu diesem Aktivismus gekommen?

Alexandra Seybal: 2013 war ich beim Zentralmatura-Streik und danach total motiviert, auch selbst aktiv zu werden. Ein, zwei Jahre später habe ich bei einem Redewettbewerb mitgemacht und zum Thema „Politische Bildung“ gesprochen, bin darüber zur Aktion kritischer Schüler_innen und zum Schüler- und Schülerinnenparlament gekommen, war zweimal Schulsprecherin an meiner Schule, einmal Landesschulsprecherin und habe mich daneben gesellschaftspolitisch engagiert und die #fridaysforfuture in Vorarlberg auf die Beine gestellt – weil ich überzeugt davon bin, dass Gesellschaft und Schule Hand in Hand gehen.

WANN & WO: Du steckst gerade mitten in der Matura. Was sind deine Pläne danach?

Alexandra Seybal: Genau, ich sollte jetzt eigentlich lernen (lacht). Ich will dann nach Wien gehen und Politikwissenschaften studieren. Daneben will ich mich weiter engagieren. Ich werde auf jeden Fall nicht leiser werden, sondern weiter Gas geben.

WANN & WO: Könntest du dir vorstellen, selbst in die Politik zu gehen?

Alexandra Seybal: Ich fürchte, ich habe eine zu dünne Haut dafür und bin manchmal ein bisschen zu ehrlich. Aber ich möchte mich auf jeden Fall für die Menschen einsetzen, die es selber nicht können.

WANN & WO: Was ist deiner Meinung nach gerade das drängendste Problem in der Gesellschaft?

Alexandra Seybal: Ganz besonders natürlich die Klimakrise, die unheimlich drängend ist. Wir haben nun einmal keinen Planeten B und müssen jetzt und hier umdenken und handeln. Und zum Anderen auch die Spaltung im Land und auch ganz heftiger Rassismus. Es gibt so ein Zitat: Die Geschichte ist ein guter Lehrer, aber wir sind keine guten Schüler. Das fällt mir jedes Mal dazu ein.

WANN & WO: Wo müsste man deiner Meinung nach ansetzen?

Alexandra Seybal: Ich bin keine Expertin, aber ich gehe in die Schule und weiß daher, dass man dort bereits Bewusstsein für solche Themen schaffen kann und muss.

WANN & WO: Auch das Schulsystem wird generell kritisiert.

Alexandra Seybal: Zu Recht! Es wird in meinen Augen zu wenig auf die Interessen der Schülerinnen und Schüler eingegangen. Ich bin daher auch ganz klar für das modulare Oberstufen-System. Statistiken belegen außerdem, dass das österreichische Bildungssystem hochgradig sozial selektiv ist. Das heißt, wenn deine Eltern Akademiker sind, ist es viel wahrscheinlicher, dass du auch Akademiker wirst und umgekehrt eben nicht. Das ist unfair, es sollten alle die gleichen Chancen haben.

WANN & WO: Du nutzt selbst auch die genderneutrale Sprache. Oft wird man dafür aber belächelt und viele Menschen sperren sich dagegen.

Alexandra Seybal: Ja, das passiert wirklich oft. In meinen Augen sind das aber die Auswüchse der eigentlichen Probleme. Frauen sind einfach immer noch nicht gleichgestellt. Und da ist Sprache wichtig, denn Sprache schafft Bilder in Köpfen. Wenn Kinder denken, dass „behindert“ oder „Spast“ lustige Schimpfwörter sind, dann macht mir das schon Angst.

WANN & WO: Kritiker sagen oft, dass Frauen selbst mehr tun sollten für die Gleichberechtigung.

Alexandra Seybal: Das finde ich lächerlich. Erstens gibt es ganz viele Frauen, die aufstehen. Ich bin selbst letzten Sommer nach Wien gegangen und war dort für das Frauenvolksbegehren aktiv. Zweitens finde ich nicht, dass es unsere Aufgabe ist, da etwas zu erkämpfen, sondern es sollte selbstverständlich sein, dass Frauen und Männer gleichbehandelt werden. Interessant finde ich auch, dass es ein Bildungsprinzip „Gleichstellung von Mädchen und Jungen“ gab. Dieses Prinzip hat die türkis-blaue Regierung abgeschafft. Da frage ich mich schon, was der Sinn dahinter ist.

WANN & WO: Was gibt dir Hoffnung für die Zukunft, dass die Welt doch noch eine bessere wird?

Alexandra Seybal: In den letzten Tagen ist für mich das Beispiel ganz oft Greta Thunberg. Ich meine, wow, dieses Mädchen ist 16 Jahre alt und verändert gerade die ganze Welt! Daneben führe ich auch so viele Gespräche mit Jugendlichen. Wenn ich dann sehe, dass die sich kritisch mit Dingen auseinandersetzen, wenn Veränderung passiert, wenn sich Aktionen lohnen, wenn wir doch gehört werden: Das gibt mir Kraft.

WORDRAP

  • Zukunft: Hoffnung
  • Gesellschaft: Kritisch
  • Politik: Mitreden
  • Jugend: Spaß
  • Europa: Gemeinschaft
  • Ibiza-Gate: Vengaboys

Zur Person

  • Name und Alter: Alexandra Seybal, geboren am 18. Mai 2000 (19)
  • Ausbildung und Engagement: Schülerin an der Sacré Cœur Riedenburg, dort zwei Jahre Schulsprecherin, ein Jahr Landesschulsprecherin,Vorsitzteam-Mitglied der Aktion kritischer Schüler_innen (aks) Vorarlberg, Organisatorin von #fridaysforfuture

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