Vorarlberger Trans-Frau bietet Hass die Stirn

Ella musste sich auf Facebook schon so einige Kommentare gefallen lassen. Im realen Leben ist sie umso überraschter von denRückmeldungen auf ihr Trans-Leben: „Ich bekomme durchweg positive Reaktionen.“
Ella musste sich auf Facebook schon so einige Kommentare gefallen lassen. Im realen Leben ist sie umso überraschter von denRückmeldungen auf ihr Trans-Leben: „Ich bekomme durchweg positive Reaktionen.“ ©Sams
Ella aus Brand geht offen mit ihrem Leben als Trans-Person um. Und bekommt dafür nicht nur positive Kommentare. Wie sie dem begegnet.

Von Anja Förtsch (Wann&Wo)

„Heutzutage muss man echt aufpassen an welche ‚Frau‘ man gerät.“ „Du Hurensohn.“ „Schwuchtel.“ Eine Gif, die einen Mann beim Würgen zeigt. Ella Georgina Meyer aus Brand hat wohl schon so ziemlich jede Form von Mobbing im Internet erlebt. Und das nur, weil sie sich endlich traut, so zu leben, wie sie ist: als Frau. „Ja, solche Kommentare kommen. Aber die beachte ich gar nicht. Ich blockiere diese Accounts und fertig. Darauf einzusteigen und zu diskutieren bringt gar nichts“, erzählt sie WANN & WO. „Und auch komische Blicke gibt es immer mal. Ich schaue dann zurück und damit hat sich das schon: Dann fühlen sich die Leute ertappt und schauen weg.“ Und überhaupt: Blicke und dumme Sprüche seien gar nichts gegen das, was sie vorher durchgemacht hat.

"Ich hatte Suizidgedanken"

April 2018: Georg, wie Ella damals noch hieß, steht in 15 Metern Höhe auf einem Heizkessel, den er als Anlagenbauer gerade montiert hat. Die Jahre des Versteckspiels und der Zerissenheit zerren an ihm, ziehen ihn an den Rand des Kessels. „Ich habe jahrelang eine Lüge gelebt: Nach außen hin war ich Georg, aber sobald ich zuhause war, habe ich die Männerkleidung abgelegt, habe mir Kleider angezogen, die Nägel lackiert, eine Perücke aufgesetzt“, erinnert sich Ella im Gespräch mit WANN & WO. „Das bedeutete aber natürlich Probleme. Etwa, wenn unangekündigt Besuch vorbeikam oder wenn der Postbote klingelte. Ich bin jeden Tag morgens in Frauenkleidern ins Auto gestiegen und habe mich vor der Arbeit heimlich wieder umgezogen. Wie ich heute weiß, hatten auch die Nachbarn mich hin und wieder gesehen und dachten, es sei eine fremde Frau im Haus und ich würde meine Frau betrügen.“ Aus heutiger Sicht klingt das durchaus nach Comedy-Szenen, die in einen Film passen würden. Tatsächlich war dieses jahrelange Leben in der Schwebe, diese innere Zerissenheit für Georg bis zu diesem Tag im April 2018 die Hölle: „Ich wusste, dass es so nicht weitergehen konnte. Das hat mich fertiggemacht, ich hatte Suizidgedanken. Mein bisheriges Leben musste enden.“ Georg will springen – und entscheidet sich im letzten Moment aber für den anderen Weg, sein bisheriges Leben als Frau im Körper eines Mannes zu beenden: Er outet sich. Und trägt Georg damit symbolisch zu Grabe. „Das war ein Freitag – mein letzter Arbeitstag als Mann. Am Montag bin ich direkt ins Krankenhaus Maria Ebene gefahren und habe mich stationär aufnehmen lassen. Vier Monate wurde ich dort wegen Depressionen behandelt.“ Überstanden ist die Krankheit bis heute noch nicht ganz. Auch wenn sich schon sehr viel getan hat.

Im Eiltempo zum neuen Ich

Gleich nach der Entlassung wird aus Georg Ella, Zweitname Georgina – „eine kleine Hommage an mein früheres Ich“, sagt die Brandnerin schmunzelnd. Die Personenstandsänderung ging für sie glücklicherweise sehr schnell und problemlos, auch die Hormon- und Laserbehandlungen konnte sie sofort beginnen. Damit kommt sie zwar selbst im Eiltempo an ihren größten Wunsch. Aber nicht alle in ihrem Umfeld, haben die Zeit, sich an ihr neues Ich zu gewöhnen. Auch wenn die Kommentare von anonymen Leuten im Internet von ihr abprallen, die Reaktion ihrer Familie trifft Ella hart. „Mein größerer Bruder ist nicht so begeistert von meiner Wandlung. Und zu meinen Eltern habe ich seit meinem Outing gar keinen Kontakt mehr.“ Dass die Verbindung zur Mutter abgerissen ist, setzt Ella besonders zu: „Wir standen uns immer sehr nahe. Umso überraschter bin ich, dass sie damit so ein Problem hat, mehr als mein Vater. Ich wünsche mir wirklich, dass das wieder ins Reine kommt.“

So offen wie in Wien

Was aber die generelle Offenheit der Menschen in Vorarlberg angeht, ist Ella sehr überrascht. „In meinem tatsächlichen, realen Umfeld bekomme ich durchweg positive Reaktionen – selbst hier in so einem kleinen Ort wie Brand! Keiner meiner Nachbarn oder Arbeitskollegen hat ein Problem mit mir. Und ich kann aus Erfahrung sagen: Selbst in Wien schauen die Leute nicht seltener als im Brandnertal. Was das angeht, hat sich Vorarlberg stark gewandelt.“ Das zeigt auch Ellas Post auf Facebook, in dem sie ein Vorher-Nachher-Bild von sich zeigt: 185 Kommenare gab es dazu. 183 waren positiv.

Cybermobbing, Bullying, Hassrede: Was ist auf Facebook erlaubt?

Die Kommentare, die Ella unter anderem bei Facebook bekommt, gehen klar unter die Gürtellinie – aber ist das überhaupt erlaubt? Laut den Richtlinien der Plattform ist es das ganz eindeutig nicht. „Die Nutzung von Facebook, um andere zu schikanieren oder zu belästigen“ sei unzulässig, heißt es da. Wird ein solches Verhalten gemeldet, kann Facebook den Nutzern ihr Konto vorübergehend sperren, ganz deaktivieren oder im äußersten Fall sogar die Polizei informieren.

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