Von 100 auf 0 – und wieder zurück

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Nach einem Horrorunfall ist Pascals Arm gelähmt. Doch der Bodybuilder aus Schwarzach schafft das Unglaubliche.

Von Anja Förtsch/Wann & Wo

Pascal Tschann spürt, wie er langsam wach wird. Er versucht, seine Augen zu öffnen. Warum sind seine Lider so schwer? Warum hat er solche Schmerzen am ganzen Körper? Die letzte Erinnerung, die er noch im Kopf hat, ist die Leitplanke, die näher kommt, immer näher und dann – nichts mehr. Pascal dreht langsam seinen Kopf zur rechten Seite, sieht an sich herunter, sieht Blut, überall Blut, das offene Fleisch seines Armes, den Asphalt um sich herum und dann nur noch schwarz.

Traum wird zum Albtraum

Es ist der 29. Juli 2017, Pascal ist im Urlaub in Griechenland. Er leiht sich ein Quad aus, um die Umgebung seines Urlaubsortes zu erkunden. Die Straße windet sich am Rande eines Berges entlang, unter ihm glitzert das Meer, die perfekte Kulisse, wie in einem Bilderbuch. Aber auch: ein Schlagloch. Pascal verliert die Kontrolle über das Quad und wird gegen die Leitplanke geschleudert. Das scharfkantige Metall reißt die Haut an seinem rechten Arm von der Schulter bis zur Hand auf, schneidet durch sein Fleisch, durchtrennt Bänder, Sehnen und Nerven.

Böses Erwachen

„Irgendwann wurde ich in einem griechischen Krankenhaus wach“, erinnert sich Pascal im Gespräch mit WANN & WO. „Ich merkte, dass ich in meinem rechten Arm keinerlei Gefühl mehr hatte, nicht mal mehr einen Finger beugen konnte. Ich hatte panische Angst, dass ich den Arm nie wieder würde benutzen können und wusste, dass ich professionelle Hilfe brauche.“ Doch die griechischen Ärzte können nur die Blutung stoppen. Seine Sehnen und Bänder nähen, seinen Arm damit also retten können sie nicht. Drei Tage später ist der Schwarzacher stabil genug, um nach Hause geflogen zu werden.

Winziger Erfolg

Doch auch die Spezialisten in Österreich können dem damals 18-Jährigen kaum Hoffnung machen. Die neurologischen Tests zeigen keinerlei Reaktion in seinem rechten Arm – er ist gelähmt. Ein Arzt sagt ihm, dass es Pascals Glück sei, dass er schon lange Krafttrainig macht: Seine Muskeln wirkten bei dem Unfall wie eine Art Schutzanzug, der das Schlimmste verhindert. Bei anderen Patienten hätte man den Arm unter Umständen nicht retten können. „Aber das Training hat nicht nur meinen Arm geschützt. Es hat mich auch Ehrgeiz und Motivation gelehrt. Dazu, mich auch trotz aller Umstände wieder zurück ins Leben zu kämpfen.“ Und das tut Pascal. Jede einzelne Sekunde arbeitet er an sich, übt, kräftigt – bis er es eines Tages schafft, einen Finger zu krümmen. „Das war ein unglaubliches Gefühl, ein wahnsinniges Erfolgserlebnis.“

Training seines Lebens

Einige Monate nach dem Unfall. Auf dem Tisch vor Pascal steht ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel-kegel. Er nimmt ihn zwischen Daumen und Zeigefinger, er kann ihn mittlerweile greifen – aber er kann ihn nicht aufheben, keinen Millimeter. Der Mann, der früher 20 Kilogramm schwere Hanteln gestemmt hat, schafft es nicht, einen Spielkegel anzuheben. Verzweifeln lässt ihn das aber nicht – im Gegenteil: „Ich hatte bereits wieder gelernt, meine Finger zu bewegen. Ich hatte also die Lähmung besiegt! Ab da war mir klar, dass ich mir auch meine Kraft zurückholen kann.“ Pascal gibt alles, trainiert wie noch nie in seinem Leben. „Ich hatte täglich Physio-, Ergo-, Elektrotherapie, das ganze Programm. Außerdem war ich ja im Krankenstand und hatte so den ganzen Tag Zeit, mich auf meine Heilung zu konzentrieren“, erzählt der Maschinenbauer. „Wenn ich also nicht gerade bei irgendeiner Therapie war, habe ich selbst geübt, tagein, tagaus, in jeder freien Minute.“ Ein halbes Jahr später steht auf dem Tisch vor Pascal kein Spielkegel mehr, sondern ein Wasserglas. Er greift es, seine Muskeln zittern vor Anstrengung – doch er hebt es an.

Keine Ausreden mehr

Inzwischen ist aus dem Wasserglas längst wieder die 20-Kilogramm-Hantel geworden. „Auch wenn ich nach dem Unfall tatsächlich erst einmal mit den ganz winzigen 1- und 2-Kilogramm-Hanteln anfangen musste“, sagt Pascal lachend. „Ungefähr ein Jahr hat es gedauert, bis ich wieder ganz bei alter Stärke war. Laut meinem Arzt war das schon herausragend und hat wohl deshalb so gut funktioniert, weil ich vorher schon sportlich war“, sagt der heute 21-Jährige. „Andere, die keinen Sport gemacht haben, hätten dem Arzt zufolge bei solch einer Verletzung mehrere Jahre gebraucht, um ihren Arm wieder nutzen zu können – wenn sie das überhaupt je wieder können.“ Seine Leidenschaft, der Kraftsport, ist in dieser Zeit für Pascal noch wichtiger geworden. „Ohne ihn hätte ich es wohl nie geschafft, wieder völlig gesund zu werden. Ich schätze meine Gesundheit und meine Fitness jetzt so ungemein, jeden einzelnen Tag.“ Doch der Sport ist auch in anderer Hinsicht zum Lebensmittelpunkt des Schwarzachers geworden: „Ich hatte zum Zeitpunkt meines Unfalls schon einige Trainingsbilder auf Instagram hochgeladen und schon so etwa 5000 Follower gesammelt“, beschreibt Pascal. „Als dann der Unfall passierte, habe ich auch das dokumentiert. Ich wollte zeigen, wie ich es daraus schaffe und damit auch andere motivieren.“ Mit Erfolg: Aus den 5000 sind knapp 60.000 Follower geworden. „Auf meinem Heilungsweg haben die mir immer Zuspruch und Motivation gegeben – und ich ihnen auch. Denn wenn jemand, dessen Arm gelähmt war, so fit werden kann, haben die Gesunden ja wohl keine Ausrede mehr.“

Fitness, Motivation und Optimismus: Pascal bei Instagram

Nach seinem Horrorunfall hatte Pascal seinen Heilungsprozess bei Instagram begleitet. Heute zeigt er weiterhin Bilder seiner Trainingsfortschritte und teilt seine Motivation mit seinen knapp 60.000 Followern. Inzwischen sind auch Firmen auf Pascal aufmerksam geworden, eine Fitnessmarke sponsort ihn. Wer auf dem Account des 21-Jährigen vorbeischauen will, findet ihn unter @pascal_tschann.

Riesengroßes Dankeschön an Mama und LKH Feldkirch

Pascal möchte die Möglichkeit nutzen, und sowohl seiner Mutter als auch dem Team des LKH Feldkirch, das ihn betreut hat, seinen ganz großen Dank aussprechen: „Dass ich in dieser schweren Situation nicht meinen Mut verloren habe, habe ich meiner Mama zu verdanken. Meine ganze Positivität habe ich von ihr. Sie ist wie eine Kollegin für mich“, sagt der Schwarzacher. „Und ein dickes Danke geht auch an das LKH Feldkirch“, bekräftigt Pascal. Und setzt lachend hinzu: „Ich wurde dort so gut versorgt, dass es sich fast schon wie Urlaub anfühlte.“

(WANN & WO)

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