Volkstheater-Spielstätte Hundsturm in Wien-Margareten eröffnet

Mysteriöse Inszenierung eines ungewöhnlichen Geländes und Gebäudes: Hundsturm in Wien-Margareten
Mysteriöse Inszenierung eines ungewöhnlichen Geländes und Gebäudes: Hundsturm in Wien-Margareten ©Merlin Nadj-Torma
Am Donnerstagabend wurde in Wien-Margareten der Hundsturm eröffnet. Zahlreiche Mini-Inszenierungen standen auf dem Programm. Für die gebotene Mischung aus Bobo-Poesie, Migranten-Folklore und Bierzelt-HipHop interessierten sich die unterschiedlichsten Besucher.

“Jenseits gängiger Theaterkonventionen” wollte Wolfgang Schlag die frische “Eben-nicht-Nebenspielstätte” des Volkstheaters eröffnen. Mit dem Programm “Neue Bewirtschaftung”, mit dem der Hundsturm in Wien-Margareten am Donnerstag seiner Bestimmung übergeben wurde, hat der künstlerische Leiter sein Versprechen mehr als eingelöst. Regisseur Jörg Lukas Matthaei verblüffte das bunt zusammengewürfelte Publikum bei freiem Eintritt mit einer Mischung aus Bobo-Poesie, Migranten-Folklore und Bierzelt-HipHop.

Publikum bei der Eröffnung gefordert

Das ziel- und hilflose Herumstehen eines Großteils der Besucher war Programm und somit Teil der Inszenierung. Das Publikum müsse sich die Funktionen des Hauses aneignen, hatte Matthaei im Vorfeld im APA-Gespräch gesagt. Die zahlreichen Mini-Inszenierungen solle man wie Handy-Applikationen verstehen, die man erst aktivieren müsse, um in den vollen Genuss zu kommen.

Und so teilten die Moderatoren Matthaei und “Dr. Lenz” (eine Art Kurt Cobain in seiner pinken Phase) die Zuseher frei nach Gott erst mal in feste und flüssige Materie ein, in helle und dunkle Seiten, bevor sie sich auf Zuruf in Kometen verwandeln mussten, um “den Sound” zu aktivieren. Mithilfe der Smartphones der Besucher wurde das Bühnenlicht in Gang gesetzt, die restlichen Annehmlichkeiten eines Theaters durfte man sich dann “erwarten”.

Von Installationen bis Slam-Poesie

So führte etwa Judith Nika Pfeifer die Zuschauer einzeln durch ihre von Ernst Bloch inspirierte Installation “Wärmestrom”, um inmitten japanischer Glücksbringer und warmer Lampen dem “ökonomischen Faschismus” persönliche Wünsche entgegenzusetzen.

Die Slam-Poetin Yasmin Hafedh verzauberte jeweils kleine Gruppen von Zuhörern mit ihrem “Takeaway”-Gedicht, Otmar Wagner trainierte die Zuseher im “Sprung auf die große Bühne”, um sie dann zu späterer Stunde in sein schräges Video-Essay “Zombie Flaneur” einzubinden, in dem er sich nicht nur der olfaktorischen Erkundung des Bezirks hingab, sondern auch herrliche Video-Collagen mit Zitaten von Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg und EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso zeigte. Auf dem Balkon sang unterdessen der Chor des Istanbul Kulturvereins.

Ratlosigkeit und Warten im Hundsturm

Doch all die Versuche des Moderatoren-Teams, das Publikum zur Aktion zu bewegen, täuschte nicht über die allgemeine Ratlosigkeit hinweg. Schließlich bekam man gleich zu Beginn den Auftrag, die einzelnen Stationen mithilfe eines abzustempelnden Handzettels abzugrasen, um sich im Laufe des Abends mithilfe von liebevollen Requisiten in Hunde zu verwandeln. “Das ist ja wie eine Wandernadel”, sagte etwa ein Besucher, als er auf die Slam-Performance wartete. Das Warten war dann auch Thema der “Eröffnung”, die auf den zweistündigen Parcours durch den Hundsturm folgte.

Gespannt wartete das Publikum im Saal. Auf der Rückwand der Bühne flimmerte eine “Live-Schaltung” in die Garderobe, wo Wolfgang Schlag mit Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (S) und Michael Schottenberg über den (scheinbar) bevorstehenden Auftritt plauderte. Auf die Bühne kam schließlich keiner der drei, sondern der Haupt-Act des Abends: Die Wiener Hip-Hop-Vereinigung “Rooftop Clique” übernahm das Ruder – und die Stimmung unterzog sich vor allem modisch einer radikalen Transformation. Die Hornbrillen-Träger strömten sichtbar verwirrt zur Bar, die Basecap-Baggy-Pants-Fraktion hüpfte – endlich – begeistert nach vorn und ruderte mit den Armen.

Wolfgang Schlag hat somit bereits am ersten Abend neue Publikumsschichten erreicht. Inwiefern ihm der Spagat zwischen cooler Subkultur und sozio-ökonomischem Experiment gelingt, wird sich in den kommenden, spannend programmierten Monaten im Hundsturm zeigen.

(apa/red)

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