Uraufführungen von Handke, Haderlap, Schmalz im Burgtheater

Direktorin Karin Bergmann muss auch aufs Geld schauen
Direktorin Karin Bergmann muss auch aufs Geld schauen
Uraufführungen von Peter Handke, Maja Haderlap und Ferdinand Schmalz sowie Erstaufführungen von Sibylle Berg, Harold Pinter und Yasmina Reza prägen die Burgtheater-Saison 2015/16, die Karin Bergmann am Montag im Akademietheater vorstellte. "Ich glaube, dass man nicht von einem Spar-Spielplan reden kann", so die Direktorin, die sich "durch finanzielle Auflagen nicht künstlerisch beschnitten" fühlt.


Aus den Immobilienverkäufen der Bundestheater-Holding sollen dem Burgtheater 2 Mio. Euro zugutekommen, sodass die Produktionskosten, die heuer aufgrund strenger Sparmaßnahmen 30 Prozent unter dem langjährigen Schnitt gelegen sind, in der kommenden Spielzeit nur noch 15 Prozent weniger als früher betragen können. Zwar kosten das Burgtheater die steigenden Löhne erneut eine Million Euro mehr, “dafür werden wir heuer erstmals in unserer Geschichte mehr als 8 Mio. Euro an den Theaterkassen einnehmen”, freute sich der kaufmännische Geschäftsführer Thomas Königstorfer, der zugleich warnte: “Es wird uns nicht erspart bleiben, weiterhin nicht nur künstlerisch sondern auch wirtschaftlich zu denken.”

“Die Welt steht gewiss nicht mehr lang, lang, lang”, zitierte Bergmann eingangs Johann Nepomuk Nestroy. “Theater ist kein Medium, das die Welt retten oder Probleme lösen kann, aber Theater ist etwas, das Therapie sein kann.” Man könne auf der Bühne etwa auf wichtige Fragen aufmerksam machen und darüber reflektieren, “wo es gemeinsam etwas zu tun gibt”. Entsprechen fänden sich vor allem aktuelle Themenstellungen im Spielplan wieder.

Bereits am kommenden Montag beginnt Alvis Hermanis mit den Proben zu “Der Revisor”. “Er möchte das Stück nicht verkürzt wissen auf aktuelle Ereignisse hier am Burgtheater oder in Wien”, sagte Dramaturg Klaus Missbach, es gehe dem Regisseur allgemein um Korruption. Gemeinsam mit Regisseur Georg Schmiedleitner hat Maja Haderlap ihren Roman “Engel des Vergessens” dramatisiert.

“dosenfleisch” von Ferdinand Schmalz kündigte Bergmann als “ein sehr interessantes Stück über Mobilität, Verkehr und Beziehungen” an. Das Stück wird im Kasino gezeigt, um dessen Fortbestand sie “monatelang in allen Gremien gekämpft” habe. Es verbleibe beim Burgtheater, werde von diesem programmiert und gelegentlich an Volksoper oder – “sollten sie dort spielen wollen” – Staatsoper vermietet.

“Das Kasino wird ein zentraler Ort unserer Arbeit bleiben, u.a. für unsere Jugendarbeit”, sagte Bergmann, die ankündigte, dass die “Junge Burg”, für die sie “pausenlos unterwegs” sei, “Klinken zu putzen”, noch ein Jahr von Annette und Peter Raffalt geleitet und danach eine neue Leitung bekommen werde. Das müsse nicht notwendigerweise die junge Regisseurin Cornelia Rainer sein, die 2015/16 zwei Jugendprojekte inszeniert.

Bei den Regisseuren feiern Herbert Fritsch (“ein Regisseur, den ich mir sehr gewünscht habe”) mit Molieres “Der eingebildete Kranke” und Milos Lolic mit “Party Time” von Harold Pinter ihre Burg-Debüts. Bergmann freut sich “auf die Rückkehr von Andreas Kriegenburg” (Gorkis “Wassa Schelesnowa” sei noch nie am Burgtheater gespielt worden und biete Themen von Finanzkrise und politischen Umbrüchen bis zu Familienzwistigkeiten), und meinte bei Claus Peymann, sie habe “große Lust darauf, diesen Regisseur noch einmal in Wien zu präsentieren”. Peymann wird seine fünfte Handke-Uraufführung am Burgtheater inszenieren, “Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße” sei “poetisch und polemisch” und “ein großartiger Text, den wir sehr gut besetzen können”.

Über “Idealbesetzungen” verfüge laut Bergmann Hausregisseur David Bösch bei Werner Schwabs “Die Präsidentinnen” (gespielt von Regina Fritsch, Barbara Petritsch und Stefanie Dvorak) und Tschechows “Drei Schwestern”. Andrea Breth, mit der die Direktorin “kontinuierlich zusammenarbeiten” wird, inszeniert “Diese Geschichte von Ihnen” von John Hopkins, Dieter Giesing macht “Bella Figura”, das neues Stück von Yasmina Reza, das im Mai von Thomas Ostermeier an der Schaubühne uraufgeführt wird.

Peter Wittenberg inszeniert “Die Wiedervereinigung der beiden Koreas”, “großartige Miniaturen” von Joel Pommerat, die junge Salzburgerin Martina Gredler bringt ein Stück von Sibylle Berg ins Vestibül. Arpad Schilling (“mittlerweile ein komplett politischer Theatermacher, der seine eigenen Projekte macht”) kehrt für ein Projekt über die gemeinsame Vergangenheit Österreichs und Ungarns nach Wien zurück. “Er wird das sowohl mit Burgschauspielern als auch mit ungarischen Schauspielern erarbeiten”, sagte Bergmann, die einen Brief des ungarischen Nationaltheaterintendanten Attila Vidnyanszky, der gegen die Verlesung eines kritischen Textes nach dem Budapester “Möwe”-Gastspiel protestiert hatte, “umgehend beantwortet” hat: “Ich habe ihm mitgeteilt, dass an der Burg Meinungsfreiheit herrscht.”

Dazu gibt es Pläne mit Anto Romero Nunes und Christian Stückl, Martin Kusej kommt 2016/17 als Regisseur an die Burg zurück. Ein neuer “Jedermann” bleibt ebenso ein Projekt Bergmanns wie eine “Orestie”-Neuinszenierung. Mit den Autorentheatertagen des Deutschen Theaters Berlin wird künftig ebenso kooperiert wie mit dem Retzhofer Dramapreis.

Das Ensemble umfasst in der kommenden Saison 68 Schauspieler. “Ich glaube, das ist eine sehr gute Zahl. Ich persönlich halte 60 für das absolute Minimum. Vor 15 Jahren waren es noch fast 100 Schauspieler”, sagte Bergmann. Neuzugänge sind Andrea Wenzl vom Residenztheater München, Martin Vischer vom Schauspielhaus Wien, der Wiener Christoph Radakovits, zuletzt engagiert in Chemnitz, sowie die junge Oberösterreicherin Marie-Luise Stockinger, die direkt vom Reinhardt-Seminar engagiert wurde.

Sie trage “große Verantwortung – für die Künstler, für das Publikum und natürlich für die Mittel, die uns die Steuerzahler zu Verfügung stellen”, so Bergmann. “Kunst ist das Beste, in das man investieren kann. Sie wirft künstlerisch und humanistisch die beste Dividende ab.” Erschreckt habe sie, dass NEOS-Kultursprecherin Beate Meinl-Reisinger jüngst in einem “Kurier”-Interview “die Frage einer künstlerischen Evaluierung aufgeworfen” habe. Theaterarbeit werde jeden Abend von den Besuchern evaluiert. “Ich bin sehr für Evaluierung, wo sie ihren Platz hat, aber nicht dort, wo jemand bestimmt, welche Kunst am Burgtheater gemacht wird.”

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