Unwirklicher Abend mit Flüsterfreak Tricky

Mit "Maxinquaye" hat er vor eineinhalb Jahr­zehn­ten ein Genre definiert, mit dem gefeierten Album "Knowle West Boy" heuer das Revival des TripHop mitbestimmt: Tricky.

Zu den Klängen von Phil Collins’ “In The Air Tonight” kam der englische Flüsterfreak Tricky, zugleich Musikpionier und priesterlicher Bewahrer einer düsteren Emotionalität in der Musik, Samstagabend zum ausverkauften “Electronic Beats Festival” ins MuseumsQuartier in Wien. Ein unwirklicher Abend.

Tricky ist wie eine Fliege: Die leben in einem anderen Zeituniversum, können sich noch putzen, kurz mal umschauen und dann gemächlich wegbrummen, während die Hand des hektischen Menschen zum sinnlosen Schlag in ihre Richtung schwingt. Auch der Bristoler scheint Zeit anders wahrzunehmen als die meisten seiner Mitmenschen: Je zäher die Beats sich dahinschleppen, desto mehr zappelt er hinter seinem Mikro, in desto mehr Bruchstücke zerteilt er die Zeit mit seinen autistischen Schamanenbewegungen.

Das ist Labsal für jene Musikfreunde, die selbst Musik am intensivsten weit unter den für das Formatradio notwendigen Gute-Laune-Tempi empfinden und jede in Richtung Tanz gehende Körperbewegung zur Musik als übertriebene Euphorie abstempeln. Kopfnicken, Kopfschütteln: okay, aber da hört es sich dann auch schon wieder auf. Trickys Zeitlupen-Musik muss man mit stillstehendem Staunen begegnen.

Das Mikro scheint Tricky eher Feind zu sein. Mit Würgebewegungen beider Hände am Mikrofon, geschlossenen Augen, Kopfschütteln muss er sich auf jenes energetische Niveau hochpushen, das es ihm nach vielen vergeblichen Anläufen endlich ermöglicht, ein, zwei Wörter hineinzuflüstern. So musste man sich fast die ganze Auftaktnummer fragen, ob sein Mikro überhaupt aufgedreht war. Aber Tricky, dessen jahrelange Entfremdung von seiner Exband “Massive Attack” sich im unüberwindlichen Schisma der beiden neu erschienenen Alben der Gegenstreiter für eine gemeinsame Sache deutlich manifestiert, kommt nicht dafür auf die Bühne, um dort viel zu arbeiten: Reduktion ist hier Programm.

Den Großteil der Zeit hat er ohnehin damit verbracht, vor dem Schlagzeug in Trance zu versinken, dem Publikum Ausblick auf seinen muskulösen Rücken und den bis zum Nabel hochgezogenen Bund seiner Boxershorts gönnend, und rechtlich fragwürdige Rauchwolken in den Raum zu puffen. Als er dann mal kurz in unserem Zeituniversum vorbeischaute und für Tricky-Verhältnisse fabulös energetische Ausbrüche auf die Bühne brachte, hat sich ein guter Teil der doch eher zum Tanzen gestimmten Samstagabend-Weggeher bereits aus dem fantastischen Konzert ausgeklinkt. Wenn es eigentlich hypnotisch still sein sollte und Tricky den Musik-Minimalismus auf nur wenige elektronische Schlagwellen noch weiter reduzierte, zog sich fröhliches Quatschen durch die MQ-Halle. Trickys düstere, haltlose, weltferne Musik ist mit Partylaune inkompatibel. Und das ist gut so.

Wie schön es ist, dass sich Typen mit dem Charme von dickbebrillten Kulturwissenschaftsstudenten auf der Bühne endlich auch austoben dürfen, zeigten zuvor “Whitest Boy Alive”. “Der Freak flippt aus”, freute sich ein Besucher, als der norwegische Sänger und Gitarrist Erlend Öye herrlich ungelenk auf und ab hüpfte. Die Musik der deutschen Band hat zwar wenig mit elektronischen Beats zu tun, die Mischung aus Indiepop und Post-Techno wurde aber zumindest vom Publikum für ihre Tanzbarkeit gewürdigt. Auf “Tricky” folgten laut Programm noch das “Gorillaz Sound System”, und den Ausklang sollte gegen drei Uhr früh Booka Shade bestreiten. Von Georg Leyrer

Kurzer Ausschnitt:

Tricky – “Council Estate”

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