Unser Ausländerproblem

Der heutige Gastkommentar von Johannes Huber.
Der heutige Gastkommentar von Johannes Huber. ©APA/HELMUT FOHRINGER
Gastkommentar von Johannes Huber. Wenn’s eng wird, sind Fremde schuld. So auch in der Pandemie. Sofern Fakten mitgeliefert werden, sind sie nicht überprüfbar oder überhaupt irreführend.

Angefangen hat die ganze Geschichte am Wochenende mit einem Bericht der Tageszeitung „Die Presse“: Ein Wiener Spitalsarzt berichtete, dass 60 Prozent der Intensivpatienten über einen Migrationshintergrund verfügen würden. Ein Mitarbeiter des Kanzlers nahm diesen Bericht und verbreitete ihn via „Twitter“ kommentarlos. Das war ein dezenter Hinweis darauf, in welche Richtung sich die „Message Control“ ab sofort entwickeln soll. Sebastian Kurz bestätigte es schließlich mit der Darstellung, dass wir die zweite Welle Menschen mit Migrationshintergrund zu verdanken hätten, die das Virus nach einem Sommerurlaub in Österreich eingeschleppt hätten.

Wir haben also ein Ausländerproblem. Aber ein anderes, als hier vermittelt wird: Fremde werden zu Sündenböcken gemacht, ein Migrationshintergrund gilt als grundsätzliches Übel und wird daher gerne auch als solches dargestellt. Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP) versuchte im Sommer, den bloßen Anteil von Kindern mit nicht-deutscher Umgangssprache zu skandalisieren. Ausgerechnet bei der „Krone“ ist sie damit jedoch abgeblitzt. Kein Wunder: Sie hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, auch nur ein wenig zu differenzieren. Gerade in Wien gibt es beispielsweise tausende Kinder von hochqualifizierten Eltern, die vielsprachig aufwachsen. Immerhin ist der Akademikeranteil unter Menschen mit Migrationshintergrund in der Stadt größer als bei der autochtonen Bevölkerungsmehrheit.

Andererseits gibt es bei den Menschen mit Migrationshintergrund aber natürlich auch viel mehr Männer und Frauen, die, wenn überhaupt, höchstens einen Pflichtschulabschluss zusammengebracht haben; die schwarz arbeiten, einen schlechten Job haben oder beim AMS gemeldet sind. Genau in dieser Reihenfolge führt hier eines zum anderen. Soll heißen: Nicht so sehr der Migrationshintergrund bringt Schwierigkeiten mit sich, sondern vielmehr der Bildungsstand und alles andere, was daraus resultiert. 

Insofern ist es kein Wunder, dass so viele dieser Menschen schwerkrank im Spital liegen: Sie haben nicht die Möglichkeit, wirkungsvoll gegen Corona vorzugehen. Das muss man sich leisten können: „Homeoffice“ geht nicht, wenn man Putzfrau oder -mann ist. Quarantäne ist in einer 45-Quadratmeterwohnung mit mehreren Angehörigen schlicht unmöglich. Und überhaupt: Ein Blick in die große Gesundheitsbefragung 2019 der Statistik Austria zeigt, dass das ohnehin schon genau die Leute sind, deren Allgemeinzustand der schlechteste ist. Da gibt es bald Intensivpatienten und auch Tote in einer Pandemie. 

Und die Reiserückkehrer? Zu viele haben das Virus vom Westbalkan eingeschleppt. Andererseits: Was heißt hier eingeschleppt? Es gehört schon eine ordentliche Portion Unverfrorenheit dazu, durch diesen Begriff zu unterstellen, dass sie das allesamt mutwillig getan haben. Und überhaupt: Wie viele darunter waren Nicht-Migranten, die sich laut Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) nicht zusammengerissen und Party gemacht haben?

Wir wissen es nicht. Es wird einfach behauptet, dass 30 Prozent der Infektionen auf solche Rückkehrer zurückzuführen seien. Fakten werden keine vorgelegt. Und die Clusterbildungen, die nach einem Almabtrieb in Kärnten, einer Taufe in einem anderen und einer Geburtstagsfeier in einem dritten Bundesland losgegangen sind, werden sowieso nicht mehr erwähnt. Ganz zu schweigen von Ischgl, diesem Superspreader-Event. Klar, das würde der „Message“ widersprechen, dass Ausländer schuld seien an dem ganzen Schlamassel.   

Johannes Huber betreibt den Blog dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik

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