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Unerwartet schwerelos: Arno Geigers "Selbstporträt mit Flusspferd"

"Selbstporträt mit Flusspferd" ist der neue Roman von Arno Geiger
"Selbstporträt mit Flusspferd" ist der neue Roman von Arno Geiger ©Hanser Verlag / APA
Schwergewichtig mag die titelgebende Nebenfigur sein, doch äußerst leichtfüßig fällt der neue Roman des in Wien lebenden Vorarlbergers Arno Geiger aus: "Selbstporträt mit Flusspferd" schildert den Sommer des Veterinärmedizinstudenten Julian, der nach der Trennung von seiner ersten Freundin orientierungslos durchs Leben taumelt.

Halt bietet in “Selbstporträt mit Flusspferd” ein Dickhäuter: Julian wird als Pfleger eines Zwergflusspferdes engagiert. Das Tier hat im Garten eines emeritierten Vetmed-Professors temporäre Aufnahme gefunden.

Einfühlsamer Ich-Erzähler bei Arno Geiger

Für die “Zwergin”, die dennoch eine derartig Respekt gebietende Leibesfülle auf die Waage bringt, dass Sicherheitsabstand stets angeraten ist, findet der Ich-Erzähler Julian die einfühlsamsten Worte. Nicht nur, weil das Flusspferd-Weibchen als Vertreterin einer vom Aussterben bedrohten Tierart gleichsam nobilitiert ist und ihn ihre eigentümliche Schönheit gefangen nimmt, sondern weil er die Selbstverständlichkeit ihrer Existenz bewundert. “Beim Hinschauen berührte mich ihre gelassene Üppigkeit. Auch mochte ich ihren schlammig riechenden Atem. Manchmal, wenn sie Schleim in der Nase hatte, machte sie im Schlaf Geräusche wie ein Geist in einem Horrorfilm.”

Dabei ist ihm durchaus bewusst, dass ihre Beziehung einseitig ist. Ein Nilpferd ist kein Haustier, und der Blick aus den großen Knopfaugen ist leer. Nur manchmal scheint ihm, dass sein Schützling menschliche Stimmen gerne hört, über die tierischen Emotionen macht er sich ansonsten kaum Gedanken. Mit seinen Mitmenschen ist das ganz anders – und auf diesem Kontrast baut Geiger seine Konstruktion des “Selbstporträts mit Flusspferd” auf.

Ungeliebter Student im Roman

Der 22-jährige Student fühlt sich ungeliebt und verloren. Seine Freundin Judith, die ihn durch ihre unbekümmerte Selbstverständlichkeit und gesunde Gradlinigkeit immer beeindruckt hatte (“der Prototyp der unkomplizierten Frau”), war ihm allmählich auf die Nerven gegangen, doch nun, da sie die von ihm provozierte Trennung konsequent durchzieht, wird er weich. Er winselt um einen letzten Gunstbeweis, einen Abschieds-Fick, und kann sich selbst dabei kaum zuhören. Was ihn dabei treibt, weiß er nicht so recht. Gleichzeitig wird er von Aiko magisch angezogen, der widerborstigen, geheimnisvollen und um fünf Jahre älteren Tochter des an den Rollstuhl gefesselten, schwerkranken Professors, in dessen Haus am Wiener Stadtrand er mittlerweile ein- und ausgeht.

Leicht vorhersehbar kommt es zu einer ersten Liebesnacht zwischen Julian und Aiko, doch muss er verblüfft feststellen, dass Sex für sie offenbar etwas höchst Unverbindliches ist. Es beginnt dann doch eine Phase glücklicher gegenseitiger Verliebtheit, für die Arno Geiger sehr schöne Worte findet, auf die allerdings wieder Abstoßung folgt. Spätestens dann beginnt einem diese Beziehung und auch das Buch ein wenig auf die Nerven zu gehen. Hier droht auch Julian, den Boden unter den Füßen gänzlich zu verlieren: Ex-Freundin Judith macht ihm endgültig klar, dass sie ihn für einen Waschlappen hält, mit seinem unbekümmerten und lebensfrohen Freund Tibor, den er für einen Rivalen um Aikos Gunst hält, prügelt er sich, und Aiko selbst haut nach Paris ab, obwohl sie ein Kind erwartet. Ob es seines ist, erfährt Julian nicht.

Entwicklungsroman von Arno Geiger

Dass dieser Entwicklungsroman eigentlich als Rückblick des mittlerweile als Tierarzt arbeitenden Julian anlässlich einer Wiederbegegnung mit Judith nach zehn Jahren konstruiert ist, tut dabei ebenso wenig zur Sache wie die zeitliche Verortung des Geschehens in den Sommer 2004 durch die Tragödie in der Schule von Beslan im Nordkaukasus.

Der 46-jährige Autor hat sich in “Selbstporträt mit Flusspferd” durchaus erfolgreich in die Gedanken- und Gefühlswelt eines 22-Jährigen zurückversetzt. Nicht alles daran ist jedoch interessant, vieles unaufregend und manches gar belanglos. Der Leser darf sich andererseits immer wieder über einzelne Sätze freuen, die als Glanzlichter über ganze Seiten funkeln. “Ein junger Mann mit Schmerzen sein, ist eine Ganztagesbeschäftigung.” Oder: “Ich versuchte mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass dies mein Leben war.” Und schließlich die verzweifelte Einsicht: “Überhaupt ist das ganze Beziehungszeug sinnlos. Was soll denn das überhaupt bringen? Man muss sich doch nur umschauen. Wo sind die glücklichen Paare? Da bleibe ich lieber allein.”

Spannend: “Selbstporträt mit Flusspferd”

Als Julians Bekannter würde man nach zwei, drei Treffen den versprochenen nächsten Anruf wohl eines Tages ganz bleiben lassen und es nicht wirklich bedauern. Auch als Leser lässt man Julian am Ende gerne ziehen. Gedanken macht man sich dagegen über die Zwergin. Hat sie ihre Reise in die Schweiz in der engen Transportkiste gut überstanden? Hat sie sich im Zoo in Basel eingelebt? Doch sie lässt nichts von sich hören. Sie schreibt nicht, ruft nicht an. Unsensibler Dickhäuter…

Arno Geiger: “Selbstporträt mit Flusspferd”, Hanser, 288 S., 20,50 Euro
Buchpräsentation mit Arno Geiger und anschließendem Gespräch mit Daniela Strigl: 23.2., 20 Uhr, Akademietheater

(apa/red)

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