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Tote Winkel: Jeder fünfte Fußgänger-Tote wegen Unfall mit Lkw

Fahrassistenzsysteme könnten helfen.
Fahrassistenzsysteme könnten helfen. ©APA/HANS KLAUS TECHT
Jeder fünfte tödliche Fußgängerunfall und jeder sechste tödliche Radunfall ereignet sich mit einem LKW. Fahrassistenzsysteme und Infrastrukturmaßnahmen können vorbeugen.
Tödlicher Unfall in Wien

Zum zweiten Mal jährt sich am Wochenende der folgenschwere Unfall eines neunjährigen Buben, der bei einem Unfall mit einem Lkw getötet worden ist. Das Unglück rückte vor zwei Jahren die Unfallgefahr durch den Toten Winkel in den Fokus. Ein Aufschrei folgte, Maßnahmen wurden bisher jedoch wenige umgesetzt. Die Unfallstatistik zeigt, dass Unfälle mit Beteiligung von Lkw oftmals schwere Folgen haben, berichtete das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV) am Freitag.

Wie die Unfallstatistik ergibt, sind Lkw im Schnitt zwar nur an sechs Prozent der Unfälle mit Fußgängern oder an drei Prozent der Unfälle mit Radfahrern beteiligt. Diese enden dann aber oftmals tödlich. Demnach verstarben zwischen 2015 und 2019 jeder fünfte getötete Fußgänger (21 Prozent) und jeder sechste getötete Radfahrer (16 Prozent) bei Unfällen mit Lkw-Beteiligung. Damit gibt es in diesem Bereich nach wie vor großes Potenzial zur Erhöhung der Verkehrssicherheit, eine Vielzahl an sinnvollen Maßnahmen - vom Abbiegeassistenten bis hin zu infrastrukturellen Adaptierungen wie getrennten Ampelphasen für den rechtsabbiegenden Verkehr und Fußgänger bzw. Radfahrer - steht zur Verfügung.

Unfälle mit Fahrradfahrern und Fußgängern

"Tiefenuntersuchungen zeigen, dass sich Toter-Winkel-Unfälle mit dem Radverkehr oft beim Rechtsabbiegen von Lastkraftwagen ereignen. Unfälle mit Fußgängern ereignen sich häufig dann, wenn der Lkw aus dem Stand anfährt und der Fußgänger unmittelbar vor dem Lkw steht oder quert", erläuterte Klaus Robatsch, Leiter der Verkehrssicherheitsforschung im KFV, bei einer Pressekonferenz am Freitag.

"Das Thema muss ernst genommen werden von den politischen Entscheidungsträgern", forderte Robatsch, "Sicherheit muss mehr Gewicht gegeben werden, es kann nicht nur die Leichtigkeit und Flüssigkeit des Verkehrs ausschlaggebend sein." Zahlreiche Maßnahmen könnten sofort umgesetzt werden. Dazu gehört beispielsweise der verstärkte Einsatz von Assistenzsystemen und ein Ansporn zur Förderung, diese wird "viel zu wenig ausgeschöpft", sagte der Experte. Eine Umrüstung wird mit bis zu 25 Prozent bzw. 900 Euro pro Lkw gefördert. Auch in der Infrastruktur wären unmittelbar Maßnahmen möglich - etwa eine Verlegung der Haltelinie für Autofahrer und Radfahrer. Befindet sich diese auf gleicher Höhe, "sieht der Lkw-Fahrer den Radfahrer neben sich nicht". Die Haltelinie kann aber einfach verlegt werden, etwa durch einen vorgezogenen Wartebereich für Radfahrer vor der Haltelinie des motorisierten Verkehrs, sodass sich Radfahrer gut sichtbar davor aufstellen können.

Eigene Ampel für Rechtsabbieger gefordert

"Relativ einfach umzusetzen ist etwa auch eine eigene Ampelphase für Rechtsabbieger", erläuterte Robatsch. Auch wenn es dadurch zu einer Verlängerung der Umlaufzeit kommt, sei diese Maßnahme aus Sicht der Verkehrssicherheit sinnvoll und notwendig. Denkbar sind weiters vorgezogene Grünphasen für Fußgänger und Radfahrer, diese erscheinen dadurch früher im zentralen Sehbereich und werden besser wahrnehmbar. "Es ist genug Potenzial vorhanden", betonte der Experte.

Wichtig sei Bewusstseinsbildung, was sich während der Corona-Pandemie aber schwierig gestalten könne. "Unfallanalysen verdeutlichen, dass Fußgängern und Radfahrern wichtige Informationen darüber, was Lkw-Lenker sehen können, fehlen. Ihnen ist oftmals nicht bewusst, dass Lkw-Fahrer sie in vielen Fällen nur schwer oder gar nicht erkennen können. Hier muss es uns gelingen, alle Verkehrsteilnehmer gezielt über die Sichtverhältnisse in Lkw aufzuklären", sagte Robatsch.

Möglichkeiten zur Prävention

Am 31. Jänner 2019 wird in Wien ein Neunjähriger am Schulweg von einem abbiegenden Lkw erfasst und getötet, als der Bub mit seinem Roller über einen Zebrastreifen fährt. Eine Petition wird gestartet, verpflichtende elektronische Abbiegeassistenten für Lastwagen gefordert. Mehr als 74.000 Menschen unterzeichnen, ein Lkw-Sicherheitsgipfel folgt, das Thema wird im Nationalrat behandelt. Weitere Unfälle mit Toten folgen. Einfache Maßnehmen zur Prävention wären möglich.

Im Folgenden ein Überblick über Möglichkeiten zur Prävention von Toter-Winkel-Unfällen vom Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV):

- Fahrerassistenzsysteme: Abbiege-Assistenzsysteme sind technische Systeme, die die Lenker eines Kraftfahrzeugs auf Verkehrsteilnehmer hinweisen, die sich rechts vom Kraftfahrzeug befinden und bei einem beginnenden Abbiegevorgang gefährdet werden würden. Es gibt sowohl Systeme, die ab Werk verbaut werden, als auch Nachrüstlösungen. Nach der neuen EU-Typengenehmigungsverordnung müssen Abbiege-Assistenzsysteme ab dem Jahr 2023 in Lkw und Bussen eingebaut sein. Unternehmen oder Halter von Lkw können seit September 2019 beim Verkehrsministerium eine Förderung für die Kosten von Anschaffung und Einbau von Rechtsabbiege-Assistenzsystemen in Bestandsfahrzeugen und Neufahrzeugen in Höhe von höchstens 25 Prozent bzw. bis zu 900 EUR pro neu installiertem System beantragen.

- Infrastruktur: Infrastruktur-Maßnahmen spielen meist nicht nur im Hinblick auf Toter-Winkel-Unfälle eine Rolle, sondern haben auch viele andere positive Auswirkungen auf die Sicherheit ungeschützter Verkehrsteilnehmer - z.B. kommen bessere Sichtweiten ungeschützten Verkehrsteilnehmern auch in anderen Situationen zugute. Dazu gehören:

- Zeitlich getrennte Grünphasen (Konfliktfreie Phase / Phasentrennung): Eigene Phasen für den rechtsabbiegenden Verkehr können Konflikte zwischen abbiegenden Fahrzeugen und Fußgängern bzw. Radfahrern verhindern. Auch wenn es dadurch zu einer Verlängerung der Umlaufzeit kommt, ist diese Maßnahme aus Sicht der Verkehrssicherheit sinnvoll und notwendig.

- Doppelte Haltelinie / vorgezogene Aufstellfläche: Diese Maßnahme sieht die Einrichtung eines vorgezogenen Wartebereichs für Radfahrer vor der Haltelinie des motorisierten Verkehrs vor, sodass sich Radfahrer gut sichtbar vor dem motorisierten Verkehr aufstellen können. Unter anderem wird die Maßnahme auch als sogenannte Fahrradbox (Bikebox) bezeichnet. Durch die vorgezogene Aufstellfläche können die Radfahrer besser gesehen werden, wenn die Ampel auf Grün schaltet. Die Wirksamkeit der Maßnahme ist nur für bei Rot eintreffende Radfahrer gegeben.

- Gemeinsamer Fahrstreifen für geradeausfahrende Radfahrer und rechtsabbiegende Kfz: Hier kann der rechte Fahrstreifen einer Knotenpunktzufahrt vom geradeausfahrenden Radverkehr und von rechtsabbiegenden Kfz genutzt werden. Der Radverkehr ist dadurch im direkten Sichtfeld der Kfz-Lenker.

- Frühere Grün-Ampelschaltungen für Fußgänger und Radfahrer (vorauseilende Grünphasen): Um die Sichtbarkeit von Fußgängern und Radfahrern an lichtsignalgeregelten Kreuzungen zu erhöhen, können frühere Grün-Ampelschaltungen (vorgezogene Grünphasen) für Fußgänger und Radfahrer eingerichtet werden. Radfahrer und Fußgänger befinden sich früher im zentralen Sehbereich und sind dadurch, dass sie bereits in Bewegung sind, leichter wahrnehmbar für Kfz-Lenker.

(APA/red)

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