Tilda Swinton im Interview: "Bin keine Schauspielerin"

Tilda Swinton
Tilda Swinton ©APA
Tilda Swinton ist ein angenehmer Stargast für die Viennale: Sie verkriecht sich nicht in Hotelzimmern, sondern geht hinaus und ist da. Unkompliziert und freundlich kommt sie Fotowünschen nach oder plaudert mit Bewunderern.
Tilda Swinton in Wien: Video!

Die schottische Schauspielerin steht in ihren Rollen für Widersprüche und produktive Eigensinnigkeit. Ihren Oscar erhielt sie im vergangenen Jahr für ihre Rolle in “Michael Clayton” mit George Clooney. Im Interview mit der APA erzählt sie über ihre innige Beziehung zum britischen Filmemacher Derek Jarman, ihren Bezug und ihre Abneigung gegen Schauspielerei sowie ihre Erfahrungen am Wiener Burgtheater.

APA: Sie sind jetzt seit einem Tag in Wien bei der Viennale. Wie ist Ihr erster Eindruck?

Tilda Swinton:
Ich liebe es. Im Gegensatz zu den meisten anderen Festivals habe ich am ersten Tag bereits einen Film gesehen. Normalerweise sieht man wenig Filme von anderen. Also, ein guter Start.

APA: Wie hat ihnen der Eröffnungsfilm gefallen? (“La Pivellina” Anm.)

Tilda Swinton: Sehr gut, er war außergewöhnlich.

APA: Sie sind Stargast der heurigen Viennale und Ihnen wird ein eigenes Tribute gewidmet. Auffällig ist, dass darunter drei Filme von Derek Jarman sind. Wie war Ihre Beziehung zu ihm?

Tilda Swinton: Ich würde nicht machen, was ich heute mache, ohne ihn. Als ich ihn traf, war ich überhaupt nicht daran interessiert, als Schauspielerin zu arbeiten. Er nahm mich und ließ mich einfach spielen. Es war wie ein Kindergarten. Meistens arbeiteten wir ganz frei, “The Garden” etwa war total autobiografisch. Wo sonst hätte man so einen Start haben können. Als Derek starb (1994) hatte ich zwar schon neun Jahre als Schauspielerin gearbeitet, aber ich war vollkommen zerstört – zu zerstört, um ein Profi werden zu können.

APA: Sie haben jedoch in Ihrer Karriere in sehr unterschiedlichen Filmen gespielt, von Fantasy bis zum Sozialdrama. Ist es Ihr Ziel, eine völlig komplette Schauspielerin zu werden?

Tilda Swinton: Darüber habe ich nie nachgedacht. Für mich wirkt die Wahl meiner Rollen sehr logisch. Ich arbeite meistens mit Leuten, die ich schon kenne. Aber auch Filmemacher mit einem kommerzielleren Hintergrund, die ein fertiges Projekt an mich herantragen – wie die Coen Brüder oder David Fincher – muss ich einfach mögen. Die Kommunikation muss stimmen. Mir geht es nicht nur um die Beziehung zu meiner Rolle. In dieser Art kann ich nicht spielen, auch wenn sie mich vielleicht an mehr Orte, zu einer größeren Zahl von Projekten bringen würde.

APA: Viele Ihrer Figuren wirken exzentrisch, wie sehen Sie das?

Tilda Swinton: Damit kann ich wenig anfangen. Mich interessieren Menschen, die sich in einer Phase der Veränderung befinden. Das würde ich sagen, ist das verbindende Moment in meinen Arbeiten. Die exzentrischste Rolle für mich war die Anwältin in “Michael Clayton”.

APA: Sie haben sich in Ihrem Tribute auch den Film “Au Hasard Balthazar” von Robert Bresson aus dem Jahr 1966 gewünscht. Wie kam es dazu?

Tilda Swinton: Wenn ich lese, was Bresson über die Beziehung von Regisseur und Schauspieler sagt, die er Modelle nennt, weiß ich, dass ich nicht vollkommen allein auf der Welt bin. Er gibt mir die Kraft, aufzuzeigen und zu sagen: “Ich bin keine Schauspielerin, ich bin ein Modell”. Dieser Film speziell beinhaltet zudem die perfekte Performance für mich. Der Esel – vielmehr die fünf Esel – die Balthazar spielen. Diese pure Darstellung erregt in mir den Wunsch, selbst zum Tier zu werden, dann hätte ich etwas erreicht.

APA: Hatte Bresson nicht eine sehr strenge Vision vom Schauspielen?

Tilda Swinton: Seine Vision ist sehr präzise und sehr geschäftsmäßig. Er fragt nicht nach einem Fake oder – Schauspielerei. Er will den Spirit der Person einfangen, er will etwas Reales, deswegen sprach er von Modellen. Deswegen hat mir der Film gestern Abend (“La Pivellina”, Anm.) so gut gefallen. Die Zweijährige konnte nichts konstruieren, ähnlich wie der Esel Bressons Film.

APA: Wie ist es, seine eigenen Filme auf einem Festival zu sehen.

Tilda Swinton: Ich schaue gerne meine Filme, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Heute Abend etwa “Orlando” (1992) und ich bin neugierig darauf. Aber es braucht Zeit, es muss einige Zeit vergehen, damit man die eigenen Arbeiten wirklich als Film betrachten kann. Das schöne an Festivals ist, die Werke von anderen zu sehen.

APA: Sie organisieren ja auch ein eigenes Festival. Warum das?

Tilda Swinton: Wo ich lebe, gibt es kein Kino und man muss weit fahren, um in einem Multiplex “Harry Potter” oder “Transformers” zu sehen. Darum habe ich mit Freunden in einer alten Bingo-Halle einige Filme gezeigt. Und wir waren überwältigt von den Reaktionen. Fast 90 Prozent der Besucher kamen aus der Gegend um Filme von Leuten wie Fellini, aber auch Miss Marple zu sehen.”

APA: Sie sprechen auch sehr gut Deutsch, das konnte man gestern bei der Eröffnungsparty hören.

Tilda Swinton: Ich spreche nicht gut deutsch. Ich habe einmal am Burgtheater Mozart gespielt. Die Kritiken waren gut, aber es wurde bemängelt, dass ich keine Österreicherin bin. Ich war immer viel mit deutsch sprechenden Menschen zusammen und habe so getan, als ob ich sie nicht verstehen würde (lacht).

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