"Tierwohl ist für mich ein unglücklicher Begriff"

Dr. Erik Schmid im Gespräch mit WANN & WO-Redakteur Harald Küng.
Dr. Erik Schmid im Gespräch mit WANN & WO-Redakteur Harald Küng. ©Sams
In wenigen Tagen verabschiedet sich Amtstierarzt Dr. Erik Schmid in die verdiente Pension. WANN & WO sprach mit ihm über kannibalische Kühe, Tierschutz im Ländle und die Zukunft der Landwirtschaft.

WANN & WO: Wann stand für Sie fest, dass Sie Tierarzt werden?

Erik Schmid: Ich bin in einem Gasthaus und ohne Tiere aufgewachsen. Meine Mutter war der Meinung, dass Hunde nichts in einem Gasthaus zu suchen haben. Es gab aber bereits einige Tierärzte in meiner Familie. Auch mein Vater wollte eigentlich einmal Veterinär werden, hatte nach dem Krieg aber keine Möglichkeit zu studieren. Er war ein begnadeter Zeichner und hat mit mir stundenlang in der Gasthausküche Tiere gezeichnet. Diese unterschwellige Botschaft habe ich verstanden, er hat mich sozusagen schon in diese Richtung geschubst. Ich bin aber nicht gerne zur Schule gegangen, wollte eigentlich eine Lehre als Tierarzt machen. Man sagte mir aber: Wenn du wirklich Tierarzt werden willst, dann musst du ins Gymnasium.

WANN & WO: Sie wollten nach dem Studium eigentlich Vorarlbergs erste Kleintierklinik eröffnen, haben es sich dann aber anders überlegt. Warum?

Erik Schmid: Ich habe ein Jahr lang in Hamburg in einer Kleintierklinik gearbeitet, um das Geschäft zu erlernen. Doch ich kam damals bereits ins Grübeln – das war 1982. Wir bekamen Lieferungen mit Hundediätmitteln aus den USA. Sonderimporte, weil es das in Europa noch gar nicht gab. Da fragte ich mich dann, ob das meine berufliche Vision sein soll: Übergewichtigen Hunden von ebenso übergewichtigen Besitzern eine Diät zu verschreiben.

WANN & WO: Sie traten dann 1982 in den Landesdienst ein. Wie kam es zu diesem Schritt?

Erik Schmid: Ich dachte mir damals: Wenn du etwas an der Gesellschaft und der Mensch-Tier-Beziehung ändern willst, musst du ins Amt. Als Praktiker geht das nicht. Der Praktiker muss der besorgten Dame mit ihrem kurzatmigen Mops medizinisch helfen und sagen: Der Hund ist krank. Nicht: Das ist eine Qualzucht.

WANN & WO: 1986 übernahmen Sie das Amt des Landesveterinärs, zu einer Zeit, als gerade die Tollwut im Ländle wütete. Keine leichte Situation, nehme ich an?

Erik Schmid: Das war unglaublich, es gab 1985 insgesamt 234 Tollwutfälle. Darunter 16 Kühe! Wenn man einmal erlebt hat, wie eine Kuh ihr eigenes Kalb fressen will, weil sie durchgeknallt ist im Schädel – das ist echt ein Wahnsinn. Der damalige Landesveterinär sah sich nicht in der Lage, die Impfung durchzuführen und wurde versetzt. Daraufhin wurde ich gefragt, ob ich es mir zutrauen würde, die Tollwutimpfung in Voralberg zu organisieren. In meinem jugendlichen Leichtsinn habe ich zugesagt. Wir haben dann erst von Hand und später vom Flugzeug aus Köder mit abgeschwächtem Tollwut-Lebendvirus ausgeworfen. Das landete auf der Straße, auf Spielplätzen und sonstwo. Heute wäre das nicht mehr denkbar. Aber es war ein voller Erfolg und bis dahin einzigartig in Österreich. Ab 1993 waren wir in Vorarlberg Tollwut-frei. Und 1990 wurde ich dafür sogar von der Weltgesundheitsorganisation WHO ausgezeichnet.

WANN & WO: Vor 20 Jahren wurde auf Ihren Vorschlag hin der Fachtierarzt für Tierhaltung und Tierschutz ins Leben gerufen. Wie sehen Sie die Entwicklung des Tierschutzes im Ländle allgemein?

Erik Schmid: Ein Hauptproblem ist, dass der Vollzug des Tier­schutzes in vielen Bundesländern beim Landwirtschaftsressort liegt – das ist schlicht und einfach unvereinbar. Interessenskonflikte sind da vorprogrammiert. Ich hoffe, dass wir diese Situation bei der nächsten Regierungsbildung ändern können. Ich hätte gehofft, dass Christian Gantner das auch so sieht, als er die Agenden von Erich Schwärzler übernahm. Jetzt sitzt er mittendrin zwischen Landwirtschaft und der Situation um die Kälbertransporte. Die Tierzucht fabriziert das Problem und er soll es lösen. Da ist er wirklich nicht zu beneiden.

WANN & WO: Wie schwierig ist es unter diesen Umständen, sich für das Wohl der Tiere im Land einzusetzen?

Erik Schmid: Seit mindestens einem Jahr reden alle von Tierwohl. Doch im Tierschutz und im Vollzug sind wir davon noch meilenweit entfernt. Tierwohl ist ein gleich unsäglicher Begriff wie Nachhaltigkeit, da reden auch alle drüber, aber jeder versteht etwas anderes darunter. In meinen Augen hat das Tierschutzgesetz auch den falschen Namen. Das Tierschutzgesetz schützt nicht die Tiere, sondern es regelt die Nutzung sowie die Grenzen zur Tierquälerei. Eigentlich müsste es Tiernutzgesetz heißen. Der Begriff Tierwohl ist ganz unglücklich gewählt, denn er verleitet zum Missbrauch, deshalb höre ich ihn im Zusammenhang mit dem Tierschutzgesetz äußerst ungern. Zur Stufe „tiergerecht“ fehlt hier noch viel zu viel.

WANN & WO: Wie wichtig ist für Sie die Arbeit von Vereinen wie dem VGT?

Erik Schmid: Sehr. Denn der Tierrechtsansatz, den der VGT verfolgt, ist durchaus plausibel. Wichtig wäre es, überhaupt einmal die Rechtfertigung der Nutzung zu hinterfragen. Wir essen Fleisch, aber davon viel zu viel, deshalb müssen wir auch die Tiere transportieren. Aus der Tierversuchsdiskussion ist bereits die „3R“-Regel bekannt: „reduce, refine, replace“ (reduzieren, verbessern, ersetzen). Das könnte auch in der Nutztierhaltung angewendet werden. Weniger Tiere, bessere Haltung und schließlich: Ausstieg. Der VGT sattelt hier das Pferd aber von hinten auf, sagt: Wir wollen überhaupt keine Nutztierhaltung. Damit machen sie sich keine Freunde. Denn das ist aktuell nicht gesellschaftsfähig. Sie müssten vielleicht nur die Reihenfolge ändern und Alternativen aufzeigen, um die Menschen schrittweise ans Ziel zu bringen.

WANN & WO: Wie können die Kälbertransporte endgültig gestoppt werden?

Erik Schmid: Mit dem „3R“-Ansatz wäre das leicht zu realisieren. Eine einfache Rechnung: Seit ich tätig bin, haben wir im Land konstant 20.000 Kühe. Diese geben aber in den letzten 40 Jahren mindestens das Doppelte an Milch, die landwirtschaftlichen Betriebe wurden um mindestens die Hälfte reduziert und die Futterflächen sind dramatisch zurückgegangen. Aber die Milch ist gestiegen! Wie gibt’s denn sowas? Das geht nur, wenn man massiv Futter importiert. Kommen wir nicht zur Flächenbindung zurück, werden wir dieses Problem immer wieder haben. Und Kälber sind ein Nebenprodukt der Milchproduktion. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes übrig und müssen weg. Ich habe bereits das Reinheitsgebot der Alpenmilch vorgestellt, dieses wird aber von der Landwirtschaft bislang nicht ernst genommen. Dabei sind die Landwirte in der aktuellen Situation Leibeigene ihres eigenen Systems.

WANN & WO: Glauben Sie, dass sich an der Situation in naher Zukunft etwas ändert?

Erik Schmid: Es muss etwas passieren. Da hilft aber nicht die landwirtschaftliche Diskussion, ich glaube eher, dass die Klimadiskussion viel in die Wege leiten wird. Dieses Thema spürt jeder. Hier trägt die globale Landwirtschaft einen wesentlichen Anteil bei, etwa in Sachen Kraftfutter. Oder ganz aktuell: Bei 30 Prozent des Schweinefleischs in Österreich wurden multiresistene Keime festgestellt. – alles Auswüchse der intensiven Landwirtschaft. Da müssen wir dann auch nicht mehr über Tierwohl diskutieren, dann geht’s jedem an den Nerv. Wenn die Leute im Krankenhaus liegen und an einer banalen Wundinfektion sterben, weil kein Antibiotikum mehr wirkt, ist Schluss mit lustig.

WANN & WO: Weil Sie gerade das Klima erwähnt haben: Was halten Sie von den Schülerprotesten?

Erik Schmid: Das finde ich großartig. Ich sehe es auch als Riesenvorteil, dass nun Ethik an den Schulen unterrichtet wird. Denn Tierschutz gehört nicht in die Biologie, sondern in den Ethikunterricht als Mensch-Tier-Beziehung. Denn so, wie wir mit den Tieren umgehen, gehen wir auch mit anderen benachteiligten Menschen um, mit der Umwelt, etc. Das wird unsere Überlebensfrage. Das Ausbeutersystem ist ganz klar ein Auslaufmodell, weil wir selbst daran zugrunde gehen. Und hier sind Tiere emotional sicher ein guter Türöffner. Die Jungen verstehen das, sie ticken da ganz anders. Ich blicke deshalb zuversichtlich in die Zukunft, ich war schon immer Optimist.

Wordrap

„Cow Kiss Challenge“: Idiotisch und pervers. Kälbertransporte: Unnötig. Tierschutzland Nr. 1: Nicht erfüllte Ansage. Politik: Im Wandel. Lieblingstier: Die Kuh. Milchproduktion: Zu viel.

Zur Person

Name, Alter, Wohnort: Dr. Erik Schmid, 63, Götzis Ausbildung, Funktion: Gymnasium, Matura, Veterinärstudium, Fachtierarzt für Tierhaltung und Tierschutz, ehemals Landesveterinär und Tierschutzombudsmann Vorarlberg, Ausbilder für Hundehalter/Hundeführerschein

(WANN & WO)

Hier die ganze WANN & WO-Ausgabe online lesen

  • VIENNA.AT
  • Vorarlberg
  • "Tierwohl ist für mich ein unglücklicher Begriff"
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen