Thurner für strengere Gangart in der Pandemie-Bekämpfung

Thurner für Orientierung am deutschen Notbremssystem.
Thurner für Orientierung am deutschen Notbremssystem. ©APA/HERBERT NEUBAUER
Österreich sollte sich in der Pandemie-Bekämpfung am "deutschen Notbremssystem" orientieren, empfiehlt der Komplexitätsforscher Stefan Thurner. Während in Österreich derzeit erst bei einer 7-Tages-Inzidenz von 400 regionale Maßnahmen getroffen werden, gebe es in Deutschland bereits bei einer 7-Tages-Inzidenz von 100 harte regionale Lockdowns.

Denn es sei notwendig, "in den Sommer mit niedrigen Zahlen reinzugehen, wenn wir ihn relativ sorgenfrei wie voriges Jahr haben wollen".

Aktuelle Corona-Situation in Österreich schwierig einzuschätzen

"Als einziger hält sich noch das Virus an Regeln. Das steckt einfach an, wen es trifft. Alle anderen sind verwirrt", tut sich auch der Leiter des Complexity Science Hub Vienna (CSH) schwer mit einer Einschätzung der aktuellen Situation. So sei das derzeitige lineare Wachstum mit einem relativ moderaten Anstieg "zwar relativ positiv aber instabil". Die Deutschen hätten einen viel geringeren Anstieg, die Ungarn dagegen einen viel höheren. Das Problem sei aber, dass die effektive Reproduktionszahl (R-Zahl) in Österreich zuletzt bei 1,09 gelegen ist. Dieser Wert gibt an, viele Personen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt.

Thurner greift dabei auf ein Bild seines Kollegen Peter Klimek zurück, der die 7-Tages-Inzidenz mit der Geschwindigkeit verglichen hat, mit der man in der Pandemie unterwegs ist, während die R-Zahl zeige, ob man auf der Bremse stehe oder am Gas. "Wir sind mit hoher Geschwindigkeit unterwegs und haben mit einer R-Zahl von über 1 noch immer den Fuß am Gaspedal - und das ist bedenklich", sagte Thurner. Während in manchen Regionen in Westösterreich die Zahlen zurück gehen und der Fuß weg vom Gas sei, wäre es "unverantwortlich", in anderen Regionen, wo man noch am Gas steht, wieder zu öffnen.

Kritik an Maßnahmen erst bei 7-Tages-Inzidient von 400

Endlich würden aber in Österreich regionale Maßnahmen getroffen, also nach der Ampel-Idee vorgegangen. Das bedeutet, dass dort, wo die Ampel rot ist, es also viele Fälle gibt, zugesperrt wird. "Nur ist das rot viel zu tiefrot" verweist er auf Deutschland, wo eine 7-Tage-Inzidenz von 100 einen absoluten regionalen Lockdown bedeutet. "Unsere 7-Tages-Inzidenz von 400 ist nicht gerade beherzt. Gerade die Länder sollten daran interessiert sein, diese Grenze nicht zu hoch zu legen, da sie sonst die Gesamtsituation gefährden und dann wieder alle leiden müssen, wenn es zu harten Lockdowns kommen muss", meinte Thurner.

Dabei sei es wichtig "in den Sommer mit niedrigen Zahlen zu gehen, wenn man ihn so haben möchte wie im vergangenen Jahr - nämlich relativ sorgenfrei". Im Vorjahr habe man in vielen Ländern wie etwa den USA gesehen, dass es auch im Sommer keine Entlastung gibt, wenn man zuvor zu hohe Zahlen hat. "Dazu ist es entscheidend, wo die Infektionszahlen im April sind. Wenn das weiter wächst und man in dieses Wachstum hinein dann auch noch Lockerungsschritte setzt, könnten die Probleme auch durchaus bis tief in den Sommer hineingehen - trotz Impfungen", so der Wissenschafter.

Anzahl der Tests eher untergeordnete Rolle

Befragt, wie hoch die Infektionszahlen dann im April sein sollten, verweist Thurner auf 2020: "Wenn man auf vergangenes Jahr schaut, hat es mit einer 7-Tages-Inzidenz von maximal etwa 60 Anfang April gut funktioniert, da waren wir auf der sicheren Seite." Die viel geringere Zahl der Tests damals spielt nach Ansicht Thurners eine eher untergeordnete Rolle: "Die Leute, die auf die Intensivstation kommen, kommen dorthin mit oder ohne Test."

Aus Sicht des Komplexitätsforschers müsste man jetzt alles daransetzen, "um die nächsten eineinhalb Monate die Zahlen auf Teufel-Komm-Raus runterzubringen - das wäre das klügste". Je tiefer die Zahlen seien, umso besser könne man die Situation dann kontrollieren und umso nachhaltiger und schneller öffnen. Die Frage sei allerdings, "ob die Politik das überhaupt noch durchsetzen kann und will. Wenn die Leute einfach nicht mehr mitmachen wollen oder können, kann die Politik nicht dauerhaft dagegenarbeiten. Dazu notwendig wäre eine breite Akzeptanz und das Vertrauen in die Sinnhaftigkeit und die Kompetenzen unserer Institutionen. Und die sind eher ramponiert als gestärkt", sieht Thurner eine "eher traurige Situation".

(APA/red)

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