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Thomas Raabs "Metzger sieht rot"

Einen originellen Helden zu erschaffen ist nicht leicht. Einen originellen Anti-Helden aber auch nicht mehr. Gerade in der Kriminalliteratur treiben sie sich an allen Ecken und Enden herum, die Nachfahren der Miss Marple, die sich die Lösung kniffliger Fälle nicht einmal selbst so richtig zutrauen.

Willibald Adrian Metzger, der eigenbrötlerische Restaurator, ist eigentlich ein typischer Vertreter dieser Ermittler-Spezies. Sein Erfinder Thomas Raab, der seinen neuen Roman “Der Metzger sieht rot” am 6. Mai in Wien und am 8. Mai in Graz vorstellt, hat es allerdings geschafft, ihn neben dem obligatorischen tollpatschigen Charme auch mit einer originellen Gedankenwelt auszustatten.

Schon “Der Metzger muss nachsitzen” (Leykam 2007) hatte einen weiteren Beweis angetreten – dass österreichische Krimis sich gerne weniger für die spannende Tätersuche als für das morbide Klima im Lande interessieren. Trotzdem punktet der aktuelle und leicht als Schlüsselroman zu lesende Krimi nicht zuletzt mit einer fast schon überdeutlich aktuellen Handlung. Ein städtischer Fußballclub – die “Saurias” – und seine in jeder Hinsicht unangenehmen Fans geraten ins Blickfeld der Polizei, als der Ersatz-Torhüter aus Ghana während des Spiels tot zusammenbricht. Nicht, dass Willibald Adrian Metzger sich für Fußball interessiert – aber seiner Angebeteten Danjela Djurkovic zuliebe setzt er sich dem Trubel aus und wird einmal mehr zum ebenso unfreiwilligen wie unerfreuten Detektiv. Dessen Deplatziertheit in der ganzen hässlichen Geschichte selbst den Tätern zum unbegreiflichen Hindernis wird.

Die Kanalisierung von Aggression und Rassismus in Ultra-Fanclubs zu thematisieren, aber auch aufzuspannen, wie deren Fäden in einer Stadt, die Wien zum Verwechseln ähnlich sieht, von den höchsten Ebenen her gezogen werden, ist das vordergründige Anliegen des Romans und sorgt zumindest teilweise für ahnungsvollen Wiedererkennungs-Ekel. Denn nicht nur Anspielungen auf aktuelle Burgtheater-Inszenierungen (“Wahrscheinlich wollte der Regisseur seine Schwester schon immer einmal nackt sehen”) lassen den Krimi als Schlüsselroman gelten – mit Metzger als kauziger Schlüsselfigur für so viele weintrinkende, raunzende, emotional blockierte Städter, die im Allgemeinen als “guade Haut” durchgehen und hinter deren verschrobener Fassade sich so mancher, wenn auch naiv anmutender Geistesblitz verbirgt.

Das hintergründige Anliegen ist jedenfalls kein kriminalistisches, sondern eigentlich eine zauberhafte Liebesgeschichte. “Der Willibald” und “die Djurkovic” mit ihrer stets tiefgründigen, stets folgerichtig auf Globuli-Dosierungen, Blumengieß-Frequenzen und Hundegassi-Routen ausgerichteten Alltagsphilosophie etablieren sich unter Raabs zärtlicher Zeichnung nicht nur als die – in diesem Genre gar nicht so – ungewöhnlichen Helden. Sondern verlangen auch bei einer hoffnungslos konstruierten und insgesamt in ihrer Überzeichnung schnell durchsichtigen Geschichte nach genauer Lektüre. Mit stets willkommenen Ausschweifungen über das spontane Wandern von Zahnbürsten nach ersten zusammen verbrachten Nächten oder über die Empfindungen beim Beobachten von Schoßhündchens Speichelfluss haben sie es sich verdient.

Thomas Raab: “Der Metzger sieht rot”, Leykam 2008, 320 S., ISBN: 978-3-7011-7619-9, 19,90 Euro, Buchpräsentation am 6.5., 19 Uhr 30, Buchhandlung Morawa, Wollzeile 11, Wien

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