The Power of the Dog - Kritik und Trailer zum Film

In die Schublade "feministische Filmemacherin" wird die Neuseeländerin Jane Campion gern gesteckt. Dass sie heuer bei den Filmfestspielen in Venedig mit einem Western vorstellig wurde, kommentierte die Kritik denn auch überrascht. Aber um Genreregeln und Geschlechternormen scherte sich die Neuseeländerin noch nie. Auch "The Power of the Dog" ist ein Erlebnis, dem man besser kein Mascherl verpasst. Basierend auf einem Roman von Thomas Savage erkundet die Regisseurin, was einen echten Mann ausmacht.

In die Schublade "feministische Filmemacherin" wird die Neuseeländerin Jane Campion gern gesteckt. Dass sie heuer bei den Filmfestspielen in Venedig mit einem Western vorstellig wurde, kommentierte die Kritik denn auch überrascht. Aber um Genreregeln und Geschlechternormen scherte sich die Neuseeländerin noch nie. Auch "The Power of the Dog" ist ein Erlebnis, dem man besser kein Mascherl verpasst. Und das man definitiv - ab Freitag - im Kino erleben sollte.

The Power of the Dog - Kurzinhalt zum Film

Denn Campions erster Kinofilm seit mehr als zehn Jahren ist eine Produktion von Netflix. Der Streaminganbieter fuhr schon mit Alfonso Cuaróns "Roma", präsentiert in Venedig 2018, ordentlich Prestigepunkte, einen Goldenen Löwen und letztendlich drei Oscars ein. "The Power of the Dog" brachte von der Lagune einen Silbernen Löwen nach Hause, Netflix kündigt den Streamingstart für Dezember an. Unlogisch ist Campions Engagement für die TV-Plattform nicht, zuletzt arbeitete sie mit der Ausnahmeserie "Top of the Lake" (2013) (und der leider verunglückten zweiten Staffel 2017) fürs Fernsehen. Doch wer sich Campions neueste Erzählung im Heimkino gibt, ist selber schuld. Die große Leinwand, erstmals in Österreich zu sehen war der Film auf der Viennale 2021, ist der einzig denkbare Rahmen für die gewohnt starken Bilder einer Regisseurin, die mit "An Angle at my Table", "Orlando" oder "The Piano" die Ikonographie des Weltkinos mitgeprägt hat.

Basierend auf einem Roman von Thomas Savage erkundet die Filmemacherin, was einen echten Mann ausmacht. Ist es die harte Schale, ist es der verletzliche weiche Kern? Wie funktionieren männliche Intimität, Freundschaft, Macht? Das Demonstrationsobjekt für diese Analyse gibt Benedict Cumberbatch als Westernraubein Phil. Gemeinsam mit seinem definitiv softeren Bruder (Jesse Plemons als George), den er "Fatso" ("Dickerchen") heißt, führt er im Jahr 1925 eine Ranch in Montana. Das brüderliche Machtgefüge zerbricht, als George die Witwe Rose (Kirsten Dunst) heiratet. Phil startet eine Mobbingkampagne gegen Rose, die das mit einer steilen Karriere als Alkoholikerin quittiert.

Phils Attacken, man ahnt es bald, sind indes nur der Schrei nach Liebe eines harten Cowboys, der einst bewusst dem Leben als kultivierter Gelehrter entsagte. Der seinen besten Freund, Lehrer und Lebensmenschen zu früh verloren hat, und der sich schon mal in einem verborgenen Teich im Wald ein wenig Me-Time gönnt. Das gibt Campions Kamerafrau Ari Wegner Gelegenheit, Phils Körpertopografie zu erkunden: Szenen, die ästhetisch unmittelbar anzuschließen scheinen an Bilder von Harvey Keitel in "The Piano", als ob es gelte, das Prinzip Männlichkeit auch auf der körperlichen Ebene zu erforschen. Oder endlich einen Kanon des weiblichen Blicks auf den Männerkörper zu etablieren.

In einer im Kontext der Gesamterzählung etwas unvermittelten Wendung öffnet sich Phil schließlich, lässt Roses Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee) an sich heran. Eben noch musste sich der feminine junge Mann von der Rancherhorde verhöhnen lassen, nun nimmt ihn der ehemalige Peiniger unter seine Fittiche. Doch in Jane Campions Welt sind Männer nun mal nicht, was und wie sie scheinen: Der Weichling Peter wird Phil zum Verhängnis.

The Power of the Dog - Die Kritik

Das großartige Landschaftssetting fand Campion in ihrer Heimat Neuseeland. Die Schauspieler sind bis in die Nebenrollen exquisit gecastet. Cumberbatch allerdings, der nur ganz zu Beginn ein wenig wie die Parodie eines Cowboys daherkommt, dominiert derart, dass seine Mitstreiter mitunter fast unterfordert wirken.

Neu erfunden hat Jane Campion mit "The Power of the Dog" weder das Westerngenre noch sich selbst als Künstlerin. Die Meisterregisseurin hat dem Kino aber wieder ein Werk geschenkt, das noch lange nach dem Abspann nachhallt - und uns ein klein wenig das Herz bricht.

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(APA/Red)

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