tage.buch.sichtung

Archivierte Erinnerungen, persönliche Notizen und Textfragmente als buntes Kaleidoskop künstlerischer Zugänge zum Tagebuch

Der Tagebuchtag 2009 wird in einer von ::kunst.projekte:: initiierten “Tagebuchsichtung” auf vielfältige Weise und mit unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksformen an zwei Abenden thematisiert. Die einzelnen Beiträge reichen von Text, Malerei, Fotografie, Collage, Video, Film bis hin zur Musik. Am 4. November ist der erste Abend im Cafe Club International in Wien-Ottakring und am 6. November der zweite Abend in der Xi-Bar in Wien-Leopoldstadt.

Die an diesem Projekt beteiligten 6 Künstlerinnen und Künstler öffnen gleichsam symbolisch ihre Tagebücher und lassen damit teilhaben an ihren Lebensspuren und Lebenslinien, die Erinnerung und auch Gegenwart biographisch und künstlerisch-assoziativ reflektieren.

Edin Bajric erzählt die Geschichte seiner Familie von der Flucht aus Bosnien bis zum unbefristeten Aufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland (Zeitraum ca. 13 Jahre) mit Hilfe der Reisepässe. Es sind persönliche Tagebücher der ganzen Familie. Jedoch werden diese Tagebücher nicht von ihr geführt, sondern von der Ausländerbehörde in Hannover. Anhand der Pässe und der darin erhaltenen Eintragungen wird die Macht eines Staates deutlich und gleichzeitig unsere Machtlosigkeit gegenüber diesem Organ.
Die Arbeit besteht aus einem Video und Kopien einzelner Seiten aus den Pässen als Installation.
In drei weiteren Video/Filmarbeiten thematisiert Bajric die Vertreibung aus Bosnien während des Bürgerkrieges und den (vergeblichen) Wunsch nach einer Rückkehr in die alte Heimat.

Christine Dangl zeigt vier kleinformatige quadratische Arbeiten auf Karton und Papier, ausgehend von kleinen Objekten aus der Natur. Ein kleiner Ast, eine Kastanie, zwei verschieden geformte Blätter, wurden übermalt und mit Farbe und Textfragmenten, die Auszüge aus einem fiktiven Tagebuch sind, assoziiert. Viele Jahre schon arbeitet Dangl an der Idee, Text zum Bild werden zu lassen und umgekehrt die Farbspuren unleserlich erscheinen zu lassen. Das Miteinbeziehen von Gegenständen erweitert das Bild um eine zusätzliche Dimension.

Silvia Ehrenreich stellt ihren ganz normalen Alltag zwischen Beruf und Berufung, Hektik und Entspannung, Feiern und Monotonie von morgens bis bis spät in die Nacht – Wochen, Monate, vielleicht auch Jahre hindurch in fotografischer Sichtweise in Form eines “Filmstreifens” auf der “Hausfrauen-Wäscheleine” dar.

Irene Pollak verpackt ihre “Tagebuchansätze” in Reflexionen, Selbstgespräche, aber auch “Berichte” über die vielen kuriosen Familiensituationen, durch die man so “hindurch-er-wächst”, teilweise entnommen ihrem Lyrikband “Über’s Jahr”, ergänzt durch Malerei und Zeichnungen.

Nils Schumacher, Autor, Lyriker und Musiker (Gitarrist und Schlagzeuger der Band “Rauschabstand”), generiert seine Gedichte, Erzählungen und Songtexte aus dem Erstellen von Tagebüchern, die zum Teil einen collagenhaft-assoziativen Charakter aufweisen. Realismus, Selbstironie und bitterer Humor wechseln sich ab mit sprachlichen Verballhornungen und der Verarbeitung der alltäglichen Sprachwelt. Dem Volk wird “auf’s Maul geschaut”, Sachen werden eingeklebt, das Schriftbild wird aufgebrochen. Ein Leben wird archiviert, erinnert und zugänglich gemacht.

Eva Wiesenthal lässt den Betrachter an ihren “Lebenslinien” teilhaben, gespiegelt anhand von Tagebuchaufzeichnungen, Malerei, Photographie und Video. Als Enkelin der Klavierpädagogin Marianne Lauda und Nichte der Tänzerin Grete Wiesenthal sowie als entfernte Verwandte Ludwig Wittgensteins ist es ihr ein besonderes Anliegen, Malerei, Photographie, Lyrik und wissenschaftliche Arbeit miteinander zu verbinden.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, “das tagebuch zum tagebuchtag”, in dem die Künstlerinnen und Künstler und ihre Arbeiten vorgestellt werden. Im Anhang findet sich auszugsweise das “Tagebuch” von ::kunst.projekte:: in Form des mitunter skurrilen E-Mail-Verkehrs während der Ausschreibung.

::kunst.projekte:: der [galerie]studio38 präsentiert:
tage.buch.sichtung
Ein Kunst-Projekt zum TAGEBUCHTAG 2009.

Edin Bajric (Hannover, D): “Passport” (Bildtafeln und Videoarbeiten) / Christine Dangl (Wien): Tagebuchminiaturen mit Objekten aus der Natur / Silvia Ehrenreich (Wien): “fotografisches Tagebuch”
(ein ganz normaler Alltag auf der “Hausfrauen-Wäscheleine”) / Irene Pollak (Wien): “Über’s Jahr” (Texte und Bilder) / Nils Schumacher (Hannover, D): “Es ist ein Wesen und Werden”- Texte und Collagen aus dem Tagebuch des Autors und Musikers / Eva Wiesenthal (Wien): “Lebenslinien” (Texte, Malerei, Photographie, Zeichnungen, Video)

Mittwoch, 4. November 2009, 19 Uhr
Cafe Club International C.I. Payergasse 14, 1160 Wien
Freitag, 6. November 2009, 19 Uhr
Xi CAFE & BAR, Pazmanitengasse 15, 1020 Wien. www.xibar.at
Die Tagebuchausstellungen können an beiden Orten bis Ende November besichtigt werden.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, “das tagebuch zum tagebuchtag”, der um 10 EUR erhältlich ist.

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