„Stand noch niemand vor meiner Tür“

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Public-Health-Experte Dr. Armin Fidler über den Kampf gegen die Corona-Pandemie, Anfeindungen von Maßnahmengegnern und sein Studium mit Karl Lauterbach.    

von Anja Förtsch/Wann & Wo

WANN & WO: Herr Dr. Fidler, haben Sie Angst, wenn Sie an den bevorstehenden Herbst denken?

Armin Fidler: Keine Angst, nein. Aber ich beobachte das Geschehen mit allen Sinnen. Im Herbst kann viel passieren und es gibt ein Problem: Wir haben aktuell nur gut 60 Prozent geimpft. Das heißt, 40 Prozent sind ungeschützt, es verbleiben davon etwa zehn Prozent mit hohem Hospitalisierungsrisiko. Wenn von denen nur ein Promille, also einer von Tausend, auf der Intensivstation landet, haben wir die gleiche Lage wie vergangenen Herbst. Dann haben wir Feuer am Dach.

WANN & WO: Was wäre die Folge?

Armin Fidler: Dann würde sich sicher wieder eine Diskussion um einen erneuten Lockdown ergeben. Ich frage aber, ob die Gesellschaft wegen jenen zehn Prozent Uneinsichtigen bereit ist, wieder alles zuzusperren. Sollten wirklich Wirtschaft und soziales Leben wieder heruntergefahren werden, wegen ein paar uneinsichtiger Impfverweigerer?

WANN & WO: Von einem Lockdown sind wir aktuell noch weit entfernt, in Vorarlberg gilt 3G. Andernorts wird aber bereits über 2G nachgedacht, Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein hält 1G ab Oktober für denkbar. Wie sehen Sie das?

Armin Fidler: Mit 3G sind wir bisher sehr gut gefahren. Aber natürlich ist es eine berechtigte Frage der Gesellschaft, wie lange sie noch Corona-Tests finanzieren soll, wo es doch inzwischen eine wirksame, sichere und für alle verfügbare Impfung gibt.

WANN & WO: Viele sprechen da von Eigenverantwortung.

Armin Fidler: Eigenverantwortung ist schön und gut, aber die aktuelle Lage geht darüber hinaus. Ich vergleiche das gern mit Alkohol. Man kann auch nicht einfach sagen: „Ich setze mich betrunken ans Steuer und wenn etwas passiert, dann ist das eben meine Verant-wortung.“ Da sagen Moral und Staat: Das geht nicht, denn damit gefährdet man nicht nur sich, sondern auch andere. So ist es auch mit Corona. Soll man dieses Denken noch mit vom Staat und damit von der Gesellschaft finanzierten Tests unterstützen? Ich sage nein und stimme für 1G.

WANN & WO: Ihre Stimme hat in Vorarlberg und in ganz Österreich Gewicht, Sie beraten die Regierung und sind medial gefragt. Wie wird man Corona-Experte des Landes?

Armin Fidler: Hauptsächlich unabsichtlich. (lacht) Tatsächlich kam das alles eher zufällig. Ich bin von der Ausbildung her vielleicht in dem Bereich prädestiniert: Ich bin ausgebildeter Mediziner und habe zudem Public Health studiert. Ich war in den USA am Center for Disease Control, habe für die Weltgesundheitsorganisation WHO im Rahmen der Polio-Ausrottungskampagne gearbeitet, habe 25 Jahre für die Weltbank Regierungen im Team mit Ökonomen, Soziologen, Pädagogen beraten. Genau diese ressort-übergreifende Zusammenarbeit und den Rundumblick braucht es im Kampf gegen Corona. Vor sechs Jahren bin ich zurück nach Vorarlberg gekommen und als die Pandemie begann, ist die Landesregierung auf mich aufmerksam geworden und hat mich angesprochen.

WANN & WO: Wie formell ist diese Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand?

Armin Fidler: Ich habe den großen Vorteil, dass ich alle Freiheiten habe. Im Gegensatz zu vielen Kollegen habe ich das Privileg, administrativ und finanziell unabhängig zu sein. Ich kann also nach bestem Wissen und Gewissen sagen, was ich als Evidenz betrachte, und nicht das, was die Öffentlichkeit oder ein Auftraggeber vielleicht von mir erwarten.

WANN & WO: Sie werden von der Regierung geschätzt, gab es aber schon persönliche Angriffe aus der Bevölkerung auf Sie, von Impf- und Maßnahmengegnern oder Corona-Zweiflern?

Armin Fidler: Leserbriefe und  Onlinekommentare gab und gibt es schon, aber es ist nie jemand vor meiner Tür gestanden oder hat Farbe über mein Auto gegossen, wie bei meinem Freund Karl Lauterbach, mit dem ich studiert habe. Letztens wurde ich beim Wandern angesprochen. Dieser Mensch hat versucht, mich von seinen Verschwörungstheorien zu überzeugen. Klar hätte ich einfach weitergehen können. Ich weiß auch, dass ich solche Menschen nicht umstimmen kann. Aber ich kann ihnen zeigen, dass ich authentisch bin, hinter dem, was ich sage, stehe und dass ich niemandem nach dem Mund rede. Und wenn der Mensch immerhin das realisiert, dann habe ich schon etwas geschafft.

Kurz gefragt

Was vermissen Sie am meisten aus der Vor-Corona-Zeit?Die Reisefreiheit.

Hat Corona in Ihren Augen auch etwas Gutes gebracht?Es hat in unserer Gesellschaft Schwachstellen aufgezeigt: Mangelnde Digitalisierung etwa. Und es hat zu einem gewissen Neo-Biedermeiertum geführt, die Menschen schätzen Werte wie Haus und Familie wieder mehr.

Was hat Sie im Zusammenhang mit Corona persönlich am schwersten belastet? Was mich psychologisch sehr gewurmt hat, war die Grenz-schließung nach Deutschland. Nach so vielen Jahren in schwierigen und risikoreichen Ländern hatte ich geschlossene Grenzen um mich herum abgehakt. Dass da plötzlich doch wieder schwerbewaffnete Polizei und Militärs an der Grenze stehen und man nicht einfach zum Beispiel nach kurz Lindau fahren konnte, hat mich sehr irritiert.STECKBRIEF

Zur Person: Armin Fidler

Geburtsdatum, Wohnort: 19. November 1958, Hörbranz
Familienstand: in einer Partnerschaft, drei Kinder
Karriere (Auswahl): Studium u.a. an den Universitäten Innsbruck, Harvard und Cambridge, Beratertätigkeiten u.a. für Weltbank, Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Österreichisches Gesundheitsministerium, Mitglied der Corona-Kommission

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