Spannende Sommerlektüre: Rudolf Habringers Roman "Was wir ahnen"

Ambivalent ist der neue Roman von Rudolf Habringer
Ambivalent ist der neue Roman von Rudolf Habringer ©BilderBox.com (Sujet)
"Was wir ahnen" beginnt wie ein gewöhnlicher Krimi, erhält dann jedoch Handlungsstrang um Handlungsstrang dazu, bis man allmählich den Überblick verliert. Das Leseerlebnis des neuen Romans von Rudolf Habringer ist ambivalent.

Man beginnt im Zuge der Lektüre von “Was wir ahnen” zu ahnen, dass der oberösterreichische Autor Rudolf Habringer mit “Was wir ahnen” weit mehr beabsichtigt hat, als bloß eine Fortsetzung seines 2011 erschienenen Buches “Engel zweiter Ordnung” zu schreiben.

Personenreiches Beziehungsgeflecht

30 Namen listet Habringer im Anhang als “Die Hauptpersonen” auf, fein säuberlich geordnet nach Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Erzählebenen. Da gibt es die Familie des erfolgreichen Kommunalpolitikers, der sich anschickt, in die Bundespolitik zu wechseln und als ministrabel gehandelt wird.

Und da sind Kollegen und Angehörige zweier Mordopfer, die wir aus dem Vorgängerroman kennen: ein Linzer Privatdetektiv und ein in einem Waldstück an der bayerisch-oberösterreichischen Grenze ermordeter Germanist aus Regensburg, dessen Witwe, eine Psychotherapeutin, die Aufklärung des rätselhaften Falles auf eigene Faust in die Hand nimmt, nachdem die Polizei keinen Schritt weiterkommt.

Habringers Roman wirkt überkonstruiert

Alles hängt mit allem zusammen, auf so verschlungenen Wegen allerdings, dass der Begriff “überkonstruiert” einem mehr als einmal in den Sinn kommt. Eigentlich geht nichts weiter. Alles dreht sich im Kreis, nur die Kreise werden immer größer. Das verärgert. Erst, wenn man schon längst die Hoffnung aufgegeben hat, es könne sich so etwas wie herkömmliche Krimispannung einstellen, beginnen sich die verborgenen Qualitäten des Romans zu erschließen.

Leider macht das einen auch nicht glücklicher, denn der Befund, den Habringer mit ständigen Handlungs-, Schauplatz- und Perspektivenwechseln stellt, ist ernüchternd: Wir sind alle verstrickt in kleine und große Lebenslügen, wir machen uns und einander ständig etwas vor und verwenden mehr Energie darauf, dies geheim zu halten oder zu verdrängen, als uns zu befreien. “Es gibt kein richtiges Leben im falschen”, meinte einst Adorno. Leben heißt, sich schuldig machen, zeigt Habringer.

“Was wir ahnen”: Die Mörder sind unter uns

50 Prozent aller Morde würden nie entdeckt, heißt es einmal in dem Buch. “Die Mörder sind unter uns, sagte sie scherzhaft. Aber man sieht ihnen die Tat nicht an.” Habringer schreibt an einem Gesellschaftsporträt, das verstörend ist, weil es nichts beschönigt. Am Anfang steht die Ungewissheit seiner Herkunft. Kuckuckskind heißt der harmlos klingende Begriff für etwas, was eine Familie in die Luft zu sprengen vermag. Am Ende steht das Abdriften ins Nichts: Alzheimer.

Irgendwann stolpert man über einen Satz, “der Jim Morrison zugeschrieben wird. Sinngemäß lautet er so: Es gibt Dinge, die man weiß, und es gibt Dinge, die man nicht weiß, und dazwischen sind Türen. Das sind wir.” In “Was wir ahnen” hat Rudolf Habringer viele Türen eingebaut. Die meisten sind geschlossen. Das kann man deprimierend finden. Oder herausfordernd.

Rudolf Habringer: “Was wir ahnen”, Picus, 312 S., 22,90 Euro

(apa/red)

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