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Sozialphobie: Angst vor der Kaffeetasse

Geschäftsessen sind für Birgit K. ein Albtraum. Die junge Frau fühlt sich beobachtet, sie wagt es nicht, ein Glas in die Hand zu nehmen und daraus zu trinken, geschweige denn mit Messer und Gabel zu hantieren.

Sozialphobie heißt das Phänomen. Mit Schüchternheit oder Lampenfieber lässt sich diese spezielle Phobie nicht erklären.

„Man wird ein Meister darin, Strategien zu entwickeln, um solche Situationen zu vermeiden“, sagt Birgit K. Im Alltag bedeutet das für die Werbefachfrau, das gemeinsame Mittagessen mit den Kollegen zu umgehen und bei Geschäftsterminen so zu tun, als hätte sie keine Lust auf einen Kaffee oder ein Glas Wasser. Schätzungen zufolge sind beispielsweise in Deutschland bis zu acht Prozent der Bevölkerung betroffen. Es ist schon längst soweit, dass Mitarbeiter Birgit K. meiden, weil sie merken, dass sich die Kollegin seltsam benimmt. „Mit meinen Strategien schaffe ich es, dass der andere sich unwohl fühlt, aber ich kann nicht anders“, sagt sie.

Zittert ihre Hand mit dem Wasserglas, wartet sie so lange, bis ihr Gegenüber wegschaut, um dann schnell zu trinken. Kleine Gläser mit Stiel meidet sie ebenso konsequent wie kleine Espressotassen oder beispielsweise Mahlzeiten mit Erbsen, die von der Gabel rollen. „Ich kann damit leben, weil ich es mir so eingerichtet habe, aber die Spontaneität und die Unbefangenheit sind kaputt. Eigentlich ist es unmöglich, die entsprechenden Situationen immer zu vermeiden, außer man nimmt in Kauf, sozial zu vereinsamen.“

Wann schlägt einfache Unsicherheit in eine Phobie um? 90 Prozent aller Menschen finden es unangenehm, vor einem großen Kreis zu reden. „Das ist also völlig normal“, sagt die Psychologin Dr. Susanne Holzapfel-Rossig von der Christoph-Dornier-Stiftung für Klinische Psychologie in Tübingen. „Wenn man jedoch beginnt, solche Situationen zu meiden und das eigene Leben dadurch immer mehr eingeschränkt wird, wenn also ein Leidensdruck vorherrscht, dann spricht man von einer Phobie.“

Diese Phobie kann sich auf verschiedene Weisen auswirken. So berichtet Susanne Holzapfel-Rossig von Managern, die auch im Sommer bei Präsentationen nicht wagen, das Jackett auszuziehen, weil darunter ein vor Angstschweiß klatschnasses Hemd zu Vorschein kommen würde. Auch das große Zittern beim Unterschreiben in der Öffentlichkeit kann eine Form der Sozialphobie sein – etwa an der Kasse beim Einkaufen, wenn man mit der Karte gezahlt hat. Im Mittelpunkt stehen dabei stets das Gefühl, sich von anderen beobachtet und beurteilt zu fühlen und die Angst, etwas Peinliches zu tun.

„Sozialphobiker haben eine andere Verarbeitung von Reizen“, erklärt die Psychotherapeutin. Sie bleiben in Gedanken daran hängen, wie sie selbst sich fühlen und wie sie glauben, dass andere Menschen sie beobachten und bewerten. „Das sind Gedankengebäude, die so gar nicht stimmen – aber die Betroffenen kommen davon nicht weg.“ Birgit K. bestätigt das: „Die Unkontrollierbarkeit des Ganzen ist so katastrophal, ich verstehe es selbst nicht“, sagt sie.

Angefangen hat die Sozialphobie bei Birgit K. bereits im Alter von zwölf Jahren, doch erst jetzt, gut 20 Jahre später, hat sie sich entschlossen, etwas dagegen zu unternehmen. Auch das ist typisch für Sozialphobiker – lange Zeit nicht zu erkennen, dass es sich bei ihrem Verhalten wirklich um ein Problem handelt, das man angehen muss.

Menschen, die unter Panikattacken leiden, gehen viel schneller zum Arzt. Obwohl auch da oft lange nicht erkannt wird, dass es sich um ein psychisches Problem handelt. „Aber Sozialphobiker geben sich eher selbst die Schuld an ihren Ängsten und ihrem Verhalten“, sagt Holzapfel-Rossig. „Professionelle Hilfe ist nötig. Motivation alleine reicht nicht.“

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