So kaputtbar ist Wien

©AP Photo/Ronald Zak
Gastkommentar von Johannes Huber. Die Angst vor Schwarz-Blau ist in der Stadtregierung hoffentlich stark übertrieben. Der Schaden könnte nämlich groß sein.

„Kommt Schwarz-Blau, ist Wien das Bollwerk“, so Integrationsstadtrat Jürgen Czernohorszky in einem Interview mit der Tageszeitung „Der Standard.“ Ja, eh: Das muss der Mann sagen. Ist quasi auch parteipolitisch motiviert: Czernohorszky ist nicht ganz unmöglicher Bürgermeisterkandidat, vor allem aber Sozialdemokrat. Und für einen solchen gibt es in den nächsten Jahren nur ein Match, sofern er nicht Hans Niessl heißt und burgenländischer Landeshauptmann ist: „Schwarz-Blau gegen uns bzw. wir gegen Schwarz-Blau.“

Das muss man nicht begrüßen. Man kann aber versuchen, es nachzuvollziehen. Zumal die ganze Sache sehr wahrscheinlich einen wahren Kern hat: SPÖ und FPÖ werden von der Bundesebene aus Wien nicht bevorzugen, um es vorsichtig zu formulieren. Allein schon die Verlegung des Umweltamtes nach Klosterneuburg im tiefschwarzen Niederösterreich lässt erahnen, dass eher das Gegenteil passieren wird.

Und das ist schlecht: Leute wie der Integrationsstadtrat mögen so tun, als sei man extrem stark. In Wirklichkeit aber ist keine österreichische Region so kaputtbar. Sie glauben es nicht? Wien gehört summa summarum natürlich zu den lebenswertesten Städten der Welt. Nirgends vom Boden- bis zum Neusiedlersee leben im Übrigen so viele Spitzenverdiener wie hier. Das ist jedoch alles sehr relativ.

Und überhaupt: Wenn von Krisenregionen die Rede ist, dann bezieht man das gerne auf die Obersteiermark oder das Waldviertel. Dort gibt es zum Teil wirklich Abwanderung. Wien kann auf der anderen Seite aber mit der Zuwanderung nicht Schritt halten. Und davon zeugt nicht nur die Arbeitslosigkeit. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf ist seit dem Jahr 2000 nur um ein Viertel gestiegen; in den zuvor erwähnten, vermeintlichen Krisenregionen handelte es sich um mehr als doppelt so viel.

Die Bundeshauptstadt ist am stärksten auf eine Bundespolitik angewiesen, die wohlwollend im Sinne von vernünftig ist: Allein 2016 hat die Zahl der unter 20-Jährigen in Wien um rund 10.000 zugenommen. Was bedeutet, dass wieder ein paar Schulen gebaut, Lehrer eingestellt und Berufsausbildungsplätze geschaffen werden müssen. Und zwar nicht irgendwelche: Sehr, sehr viele Leute haben Migrationshintergrund und können noch dazu kein Wort Deutsch. Soll heißen: Wird nicht ordentlich in sie investiert, gibt’s Probleme.

Die Integration ist überhaupt eine Herausforderung, die extrem groß ist: Jeder dritte Afghane und jeder zweite Syrer, der in Österreich lebt, ist in Wien zu Hause. Kein Wunder: Was will er auch am flachen Land, wo er weit und breit keinen Landsmann und damit auch keinen Anschluss findet? Seine Community ist nun einmal in der Donaumetropole. Also kommt er auch dorthin.

Noch lässt sich das alles ziemlich gut bewältigen. Aber eben nur, weil es eine Bundesregierung gibt, die die Stadt unterstützt oder zumindest nicht behindert. Ändert sich das, werden weitere Behörden abgezogen, keine Schulbauten mehr gefördert und die Mindestsicherung gekürzt, wird’s jedoch eng.

Johannes Huber betreibt den Blog dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik

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