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Schuldenschnitt-Szenarien in Athen

Entscheidende Hürde genommen: Mehr als 75 Prozent verzichten "freiwillig".
Entscheidende Hürde genommen: Mehr als 75 Prozent verzichten "freiwillig". ©AP
Der griechische Schuldenschnitt gilt als größte staatliche Umschuldung aller Zeiten - und als eine der kompliziertesten. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu möglichen Szenarien.

Wann kommt die Umschuldung zustande?

Mehr als 50 Prozent der Gläubiger mit Anleihen, die griechischem Recht unterliegen, müssen sich an der Abstimmung beteiligen – und mindestens 75 Prozent grünes Licht für den Forderungsverzicht geben. Wie ein Mitarbeiter des griechischen Finanzministers Evangelos Venizelos am Donnerstagabend sagte, wurde die 75-Prozent-Hürde übersprungen. Die gefürchtete Chaos-Insolvenz bleibt somit aus.

Verläuft die Umschuldung damit wie gewünscht?

Nein. Der Idealfall, bei dem sich mehr als 90 Prozent der privaten Gläubiger freiwillig am Anleihetausch beteiligen, gilt als unwahrscheinlich. Aktuell gehen fast alle Marktbeobachter davon aus, dass Athen seine Investoren zum Forderungsverzicht zwingt. Das läuft über Umschuldungsklauseln, sogenannte Collective Action Clauses (CAC), die Griechenland rückwirkend in seine Anleihen eingebaut hat. Das Prinzip funktioniert in etwa so: Wenn eine Mehrheit der Anleger dem Schuldenschnitt zustimmt, kann der Rest zum Mitmachen gezwungen werden.

Wann werden die Umschuldungsklauseln (CAC) aktiviert?

In seiner “Einladung” zum Anleihetausch hat Griechenland die Bedingungen so festgesetzt: Wenn mehr als 90 Prozent der Gläubiger dem Einsatz der Umschuldungsklauseln zustimmen, aber weniger als 90 Prozent sich am Anleihetausch beteiligen, werden die CAC definitiv aktiviert. Dieses Szenario ist denkbar, da einige Investoren wie Hedge-Fonds darauf setzen, Kreditausfallversicherungen auszulösen. Sie könnten deshalb für die CAC stimmen, ohne am Anleihetausch zu partizipieren. Wenn sich mindestens 75 Prozent, aber weniger als 90 Prozent der Gläubiger zu CAC-Einsatz und Anleihetausch bereit erklären, kann Griechenland die Klauseln nur nach Rücksprache mit seinen internationalen Geldgebern nutzen.

Werden Kreditausfallversicherungen (CDS) ausgelöst?

Es gilt als ausgemacht, dass ein sogenanntes “Kreditereignis” vorliegt, wenn Athen die CAC aktiviert. Nachdem solche Papiere bei der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008 zu einem Dominoeffekt und zur Beinah-Pleite des großen US-Versicherers AIG geführt hatten, sind ihre Auswirkungen gefürchtet. Bei den Plänen zur griechischen Umschuldung wurde bisher alles daran gesetzt, dass Kreditausfallversicherungen nicht fällig werden. Experten haben jedoch bereits weitgehend Entwarnung geben. “Was Griechenland betrifft, ist das CDS-Volumen überschaubar”, sagt beispielsweise Christian Schulz, Ökonom von der Berenberg Bank. Der Flächenbrand dürfte seiner Ansicht nach ausbleiben.

Wer ist vom Schuldenschnitt betroffen?

Es geht um Anleihen mit einem Gesamtvolumen von 206 Milliarden Euro. Davon sind allerdings lediglich Titel im Wert von 177 Milliarden Euro nach griechischem Recht begeben. Die restlichen Papiere sind ein Sonderfall, bei dem Athen nicht ohne weiteres mit CAC Zwang auf Gläubiger ausüben kann. “Ich erwarte, dass kaum Anleihen, die unter internationalem Recht emittiert wurden, Teil des Schuldenschnitts werden”, sagt Jaques Cailloux, Europa-Chefvolkswirt der Royal Bank of Scotland. Von vornherein außen vor bleiben die Papiere der Europäischen Zentralbank und der nationalen Notenbanken in Höhe von 56 Milliarden Euro. Kleinanleger, die in der Gesamtbetrachtung nicht sonderlich ins Gewicht fallen, bewegen sich unterdessen weiter zwischen Hoffen und Bangen. Sollte Griechenland genug Geld bei Großinvestoren zusammenbekommen, könnten sie ungeschoren davonkommen.

Welches Ergebnis soll erreicht werden?

Der griechische Schuldenberg soll durch den Forderungsverzicht um gut 100 Milliarden Euro schrumpfen. Die Zielmarke ist eine Vorgabe der internationalen Geldgeber Griechenlands und Bestandteil des zweiten, 130 Milliarden Euro schweren Hilfspakets für Griechenland. Den Zielwert zu erreichen, dürfte jedoch schwierig werden. Dafür müsste bei über 90 Prozent der gesamten Anleihen der Nennwert mehr als halbiert werden. Zieht man jedoch die Titel ab, die internationalem Recht unterliegen, kommen nach Berechnungen der italienischen Großbank UniCredit höchstens 85 Milliarden Euro zusammen. Der Plan der Troika aus EU-Kommission, Internationalem Währungsfonds und EZB, den griechischen Schuldenstand bis 2020 auf 120,5 Prozent der Wirtschaftsleistung zu senken, würde nicht aufgehen.

Wie sieht das Angebot an die Gläubiger aus?

Um Griechenland nicht in die Pleite steuern zu lassen und ihre Forderungen einzubüßen, können private Investoren ihre alten Anleihen in neue Papiere mit niedriger Verzinsung und längerer Laufzeit tauschen. Konkret verzichten sie auf 53,5 Prozent des ursprünglichen Nominalwerts, tauschen 31,5 Prozent in neue griechische Anleihen um, die britischem Recht unterliegen. Die Zinsen sind gestaffelt und ab 2015 an eventuelles griechisches Wirtschaftswachstum gekoppelt. Als zusätzlichen Anreiz bekommen Anleger darüber hinaus eine quasi Barkomponente in Höhe von 15 Prozent. Dieser Anteil setzt sich aus Papieren des Euro-Rettungsfonds EFSF zusammen, die bereits innerhalb der nächsten zwei Jahre fällig werden. (APA)

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