Schoenberg Chor zelebrierte das "Weihnachtsoratorium"

In der Vorweihnachtszeit findet sich Johann Sebastian Bachs "Weihnachtsoratorium" ebenso zuverlässig in den Spielplänen wie "Licht ins Dunkel" im ORF. Am gestrigen Mittwochabend widmete sich ein grandioser Arnold Schoenberg Chor unter Erwin Ortner mit einer weniger grandiosen Lautten Compagney Berlin im Musikverein dem Kirchenwerk.

Zeitgleich brachten die Wiener Singakademie und Barucco die protestantischen Kantaten in der katholischen Minoritenkirche unter Dirigent Heinz Ferlesch zur Aufführung – nachdem sie das Werk am Montag im Wiener Radiokulturhaus und am Dienstag im Linzer Brucknerhaus gespielt hatten. Heute, Donnerstag, folgen Domchor und -orchester St. Stephan im Stephansdom unter Markus Landerer, nachdem der Albert Schweitzer Chor unter Matthias Krampe bereits am 11. und 12. Dezember in der Lutherischen Stadtkirche Wien den Auftakt gemacht hatte.

Der Schoenberg Chor kann dabei getrost als weihnachtsoratoriumserfahren bezeichnet werden. So hatte man bereits 2007 eine formidable Aufnahme mit Nikolaus Harnoncourt und dem Concentus Musicus Wien im Musikverein eingespielt. Am Mittwochabend offenbarte sich allerdings eine störende Diskrepanz zwischen einem forsch-rhythmischen Chor und einem eher betulich agierenden Originalklangensemble. Ortner führte seinen Schoenberg Chor beginnend mit dem Appell an die Gemeinde, “Jauchzet, frohlocket”, in klarer Stimmführung durch die einzelnen Stimmgruppen und kostete zugleich die von Bach in die Kirchenmusik integrierten Tanzrhythmen weidlich aus.

Die Lautten Compagney spielte hingegen getragen-zurückhaltend und fiel somit gegen die agile Stimmgewalt ab. Diesen Eindruck verstärkte Ortner noch durch ein sichtlich emotionalisierteres Dirigat seines Chores im Vergleich zum Gastorchester. Immerhin konnten sich die Instrumentalisten vor allem im zweiten Teil, in dem den Solisten mit Arien mehr Raum gegeben wird, etwas rehabilitieren. Hier blitzte in einzelnen Sequenzen, wenn sich die Originalklangbläser zu beinahe sphärischen Klängen aufschwangen, die Qualitäten des Lautten-Ensembles auf. Beim Einsatz des Chores wurden die Berliner allerdings meist zur Untermalung degradiert.

Unter den vier Solisten stach Michaela Selinger mit einem beeindruckend tragenden Alt hervor. Auch Sopranistin Christiane Oelze, eingesprungen für die erkrankte Christiane Schäfer, akklimatisierte sich nach dem ersten Teil und bot mit Bass Florian Boesch ein anrührendes Duett “Herr, Dein Mitleid, Dein Erbarmen”. Tenor Rainer Trost überzeugte hingegen vor allem in den Rezitativen mit präziser Artikulation. Bejubelt wurde am Ende auch nebst den Solisten verdientermaßen vor allem der Schoenberg Chor.

Nach der heutigen Aufführung im Stephansdom müssen die Wiener nun für ein Jahr ohne das Weihnachtsoratorium auskommen. Anders als bei der Leipziger Uraufführung zwischen Weihnachten und Epiphanias 1734/35 werden die insgesamt sechs Teile des Werks mittlerweile meist nicht mehr nach dem Heiligen Abend gespielt.

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