"Scheinleben" widmet sich Roma-Realität in Ungarn

Die Delogierung einer Roma-Familie, ein Sohn, der seine Herkunft verleugnet und eine Mutter, die versucht, aus dem Gewaltkreislauf ihres Lebens auszubrechen: Mit einer sehr leisen, aber mit eindrucksvollen Effekten ausgestatteten Inszenierung thematisiert der ungarische Regisseur Kornel Mundruczo bei den Wiener Festwochen mit "Scheinleben" Rassismus, Wohnungsnot und partnerschaftliche Gewalt.


Als Ausgangspunkt für seine Arbeit, die Samstagabend in der Halle G im Museumsquartier Premiere feierte, wählte Mundruczo die Geschichte eines rassistisch motivierten Verbrechens in Ungarn, bei dem ein Rom angeschossen wurde. Doch auch der Täter gehörte derselben Volksgruppe an. In einer lose auf Fakten basierenden Geschichte macht sich der Regisseur auf die Suche nach einer möglichen Lebensgeschichte des Täters, für die er sich auch Inspiration bei Douglas Sirks 1948 entstandenem Film “Imitation of Life” sucht.

Den Anfang macht eine fast 30-minütige Filmszene: Im Bild ist lediglich eine in ihrer Wohnung sitzende ältere Frau, die ganz offensichtlich mit einem Vertreter eines Inkassobüros debattiert. Sie weigert sich zunächst, dem Fremden jegliche Auskunft zu geben und beruft sich darauf, dass sie nicht eingeschriebene Briefe nicht öffnen muss, wodurch sie nichts von der bevorstehenden Delogierung erfahren hat. Bald kippt die Situation und die Frau beginnt, von ihrem vor wenigen Tagen verstorbenen Mann, ihrem ausgerissenen Sohn und ihrem harten Lebensweg als Romni zu berichten. Als sich die Leinwand hebt, gibt die quadratische Guckkastenbühne jene Wohnung frei, in der das Gespräch soeben live aufgenommen wurde.

In der abgerissenen Ein-Zimmer-Wohnung wird der Schuldeneintreiber (Roland Raba) plötzlich weich. Als die alte Frau (Lili Monori) beginnt, sich zu übergeben und schließlich auf dem Fußboden kollabiert, ruft er die Rettung. Als die Frau am anderen Ende der Leitung jedoch erfährt, dass es sich bei der Patientin um eine “Zigeunerin” handelt, folgt sie den angeblichen Vorschriften und reiht die Versorgung zurück. In mehr als einer Stunde werde ein Rettungsteam vorbeischauen. Der Vertreter des Inkassobüros ist fassungslos und verlässt die Frau, nachdem er ihr eingetrichtert hat: “Wenn Sie es schriftlich haben, dass Sie in einem Krankenhaus liegen, darf die Delogierung nicht durchgeführt werden.” Er zerreißt das Protokoll des Besuchs und flüstert: “Ich war heute nicht hier.”

Dann setzt sich der unvermeidbare Kreislauf des Lebens jedoch im wahrsten Sinne des Wortes in Bewegung. Der gesamte Bühnenraum dreht sich einmal um seine eigene Achse: Sämtliche Einrichtungsgegenstände fliegen durch den Raum, zurück bleibt nach dieser minutenlangen, gespenstischen Szene ein Trümmerhaufen. Und genau in diese zerstörte Wohnung führt der Schuldeneintreiber als Makler dann eine junge Frau, die er unter Druck setzt, den Mietvertrag zu unterschreiben, nachdem sie versichert hat, weder Mann noch Kind zu haben. “Weil Frauen mit Kindern können nicht gekündigt werden.” Eben dieses Kind kommt jedoch Minuten später in sein neues Zuhause, das seine Mutter in der Nacht wieder verlässt, um sich mit jenem gewalttätigen Liebhaber zu treffen, vor dem sie zuvor geflüchtet war. Während sie weg ist, kehrt der verlorene Sohn der alten Frau in die Wohnung zurück.

Er, der eine andere Hautfarbe als seine Eltern hat und sein Leben lang versucht hat, seine Roma-Herkunft zu verleugnen, hat genug von seinem in den vergangenen Wochen gelebten Scheinleben, da ihn der Rassismus am Ende doch eingeholt hat. Am Ende sitzen sich die beiden mutterlosen Söhne schweigend gegenüber. Das Publikum muss die soeben erlebten Fragmente schließlich selbst in den Köpfen zusammensetzen, die Bilder von Verwahrlosung, Gewalt und Empathie-Funken erst einmal verarbeiten. Regisseur Mundruczo, der schon mehrfach bei den Wiener Festwochen zu Gast war, hat die aktuellen Probleme seines Landes behutsam auf die Bühne gebracht, ohne Klischees auszureizen und gibt den diskriminierten Menschen Gesichter und Geschichten. Langer Applaus für das Ensemble und den Regisseur beendete den 100-minütigen Abend.

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