Rimini - Kritik und Trailer zum Film

Richie Bravo (Michael Thomas) war einst als Schlagersänger erfolgreich. Nun tingelt er im winterlichen Rimini durch die Hotelfoyers, wo er vor dem letzten Rest seiner Fans alte Nummern intoniert und ihnen auch danach gegen eine Extrazahlung Aufmerksamkeit zukommen lässt. Es ist ein Leben zwischen Alkohol und Geldaufbringung. Bis Richies Tochter Tessa (Tessa Göttlicher) mit einem Male in diese Eintönigkeit einbricht und von ihrem Erzeuger die jahrelang vorenthaltenen Alimente einfordert. Die fragile Welt des Richie Bravo droht zusammenzubrechen.

Es ist eine substanzielle Trostlosigkeit, die Ulrich Seidls Filme durchzieht. Wohl kaum ein Regisseur schafft es, Lebenswelten und Menschen mit ebenso nüchternem und genauem wie mitleidslosem Blick zu zeichnen und gleichzeitig zu desavouieren. Das gilt auch für sein neuestes Werk "Rimini", das nach der Weltpremiere auf der Berlinale am Mittwoch (6. April) zunächst mit einer Galapremiere der Diagonale in Graz geehrt wird, bevor es am Freitag regulär in die Kinos kommt.

Rimini - Kurzinhalt zum Film

Darin erschafft der Wiener Filmemacher die Figur des abgehalfterten Schlagersängers Richie Bravo, als der Michael Thomas brilliert. Gleichsam als Prolog und Verbindung zur Spiegelexistenz des Vaters im österreichischen Pflegeheim, steht am Beginn von "Rimini" die Beerdigung der Mutter in der burgenländischen Einöde von Parndorf im Winter. Hier verabschiedet sich Richie Bravo gemeinsam mit seinem kleinen Bruder Ewald (Georg Friedrich) nicht nur von dem mit Charlton-Heston- und Roy-Black-Postern drapierten Kinderzimmer, sondern auch der sattsam bekannten Tristesse aus Partykeller, Dekorationsgeweihen und Fernsehsessel. Ewald wird dann im nächsten Film von Seidl seine eigene Geschichte haben.

In "Rimini" hingegen steht Richie im Fokus. Der lässt die Parndorfer Eintönigkeit für eine andere hinter sich. Die italienische Badefabrik Rimini ist im Winter eine eisige Einöde. Und wie im Altenheim des dementen Vaters (der große Hans-Michael Rehberg in seiner letzten Kinorolle) die graue Wirklichkeit mit Fototapeten zugekleistert wird, die als zynische Verweise auf eine andere, bessere Welt dienen, sind auch die ihrer Funktion enthobenen Hotelburgen im menschenleeren Nichts letztlich Abziehbilder einer verkitschten Existenz, brüchige Rudimente einer inhaltlosen Hülle.

Lediglich einige wenige österreichische Bustouristen bevölkern dieses Niemandsland. Vor diesen intoniert Richie mit blondierter Mähne und im bunten Glitzerdress seine Schnulzen und lässt seinen aus der Zeit gefallenen Charme spielen. Für mehr Zuwendung müssen die Damen nach dem Auftritt extra bezahlen, was sie auch tun. Der stete Schluck aus diversen Pullen gehört dabei für Richie zum Alltag.

In diesen routinierten wie erstarrten Ablauf in den verlassenen Hotelfoyers, die ebenso den Glanz vergangener Jahre widerspiegeln wie der Protagonist, bricht letztlich Richies erwachsene Tochter Tessa (Tessa Göttlicher). Sie fordert von ihrem Erzeuger die über Jahre ausgebliebenen Alimente ein und konfrontiert den Gigolo mit einer seiner zahlreichen Lebenslügen.

Rimini - Die Kritik

Michael Thomas, mit dem Seidl bereits in "Import Export" oder "Paradies: Hoffnung" zusammengearbeitet hat, verkörpert seine Figur als grandioses Abziehbild von Entertainerfiguren a la John Otti. Sein altbackener Charme kaschiert das verzweifelte Aufrechterhalten einer einstmals glorreicheren Vergangenheit, wird zur Karikatur seiner selbst. Und doch zeichnet Thomas seinen Richie Bravo auch in den Lebensrollen des Sohns, des Vaters und des Mannes. Um dieses Zentralgestirn an Leinwandpräsenz kreisen vornehmlich Damen wie Claudia Martini oder Inge Maux als Apologetinnen, die sich in ihrer Rollengestaltung ebenso wenig durch Contenance bremsen lassen.

Denn auch in "Rimini" ist wie in allen Seidl-Werken das Fremdschämen ein zentraler Wirkmechanismus. Seidl hält in jenen Momenten auf die Szenerie, in der andere Filmemacher abblenden. Dies trägt in Kombination mit dem erstaunlich authentischen Spiel der Akteure dazu bei, dass die Grenzen zwischen dem dokumentarischen und fiktionalen Œuvre des Regisseurs verschwimmen.

Auch in "Rimini" sind es die knappen Dialoge, die gleichsam Schlaglichter auf den Kern einer Szene werfen, den Seidl wie ein Bildhauer mit groben Schnitten aus dem Stein der längeren Einstellung schneidet. Es wird das Innere freigelegt, indem das Äußere abgeschlagen wird. Das Echte in dieser vom Falschen dominierten Lebenswelt wird dadurch kenntlich.

Dabei bilden die einzelnen Sequenzen gleichsam Mikrowelten für sich, die als Hochamt des Istzustands dennoch nicht völlig isoliert bleiben, sondern mosaikartig ein Ganzes ergeben. Und dieses Bildpanorama, das sich hier formiert, ist kein schönes. Letztlich stehen die Figuren nicht in Beziehung zueinander, sind in ihren jeweiligen Schablonen gefangen. Bis am Ende des Films nüchtern und doch metaphorisch die Realität in diese Scheinwelt einbricht.

(APA/Red

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