"Playing Away": Shoppen und kicken

Bregenz - Fußball und Musik? Bislang verband man mit dieser Kombination jenes Liedgut, das mit null Promillen kaum erträglich, dafür aber bis kurz vor dem Alkoholkoma zu bewältigen ist.

Seit der englische Komponist Benedict Mason vor gut zehn Jahren auf den Plan trat und mit der Oper „Playing Away“ seinem schreibenden Kollegen Marc Ravenhill, der damals mit dem Stück „Shoppen und ficken“ auch im deutschen Sprachraum Erfolge feierte, ein „Shoppen und kicken“ als Motto entgegenhielt, wissen wir es besser: Eine Geschichte, die vom Runden, das ins Eckige soll, handelt (man verzeihe die Banalität, aber das Thema Fußball fordert sie eben heraus) ist für die Opernbühne absolut geeignet.

Die pure Realität

Soll es einfach nur um die Realität gehen, also um durchgeknallte Fans, die gerne auch zur Gewalt neigen, um Spielertransfers, um viele Millionen, um Aufstieg und Fall, um Abseits und Elfmeter, um Schiedsrichterbestechung und Stars, dann muss man schon sehr viele gute musikalische Einfälle haben, damit das Publikum nicht wegdriftet. Mason hat sie, wie am gestrigen Premierenabend der überarbeitenden Fassung auf der Bregenzer Werkstattbühne bewiesen wurde.

Er verbindet nicht nur die klassische Moderne mit Pop, zarte Streicherklänge mit hartem Kettensägenrock, Schlager mit Blasmusik, er liebt auch Ton-Experimente oder den klaren, einfachen Klang der menschlichen Stimme. Das alleine wäre noch nichts Besonderes.

So richtig ausgetobt

Was Mason zudem auszeichnet, ist eine außergewöhnliche Dramaturgie der Brüche. Musikalische Linien werden aufgebaut und jäh zerschlagen. Das wirkt zuweilen etwas verstörend, ist im Grunde aber enorm spannend.

Und da die Niederösterreichischen Tonkünstler unter Rossen Gergov diesem Konzept ebenso exakt folgen wie der Britten Festival Chorus unter Philip Sunderland, hält das musikalische Gerüst den fast überbordenden Regie-Einfällen von David Pountney stand.

Da hat sich der Festspiel-Intendant (der angeblich selbst dem Fußballspiel gar nicht viel abgewinnen kann) so richtig ausgetobt. Mit Choreographin Beate Vollack an der Seite wird vom enormen Tempo bis zu Slow-Motion-Effekten alles ausgekostet, was das Repertoire hergibt.

Stramme Waden

Schön, dass die Cheer-Leaders einmal nicht weiblich sind, sondern stramme Waden haben, schließlich spielt hier auch irgendeine Bayern-Truppe gegen irgendwelche Engländer und wenn wir heute jenen Star-Kicker, dessen Tragödie nachgezeichnet wird, samt der ihn begleitenden Pop-Lady zuordnen können, dann bestätigt das nur, wie aktuell ein über zehn Jahre altes Stück sein kann.

Apropos „Shoppen und kicken“: Freilich kommt das, was Ravenhill in seinem Titel noch zusätzlich andeutete, auch vor. Erstens halb hinter den Kulissen und zweitens war Sex beim Sport immer schon ein wichtiger Faktor. Warum aber „Playing Away“ bei den Festspielen? Na ja, erstens übernimmt der Kooperationspartner, das Festspielhaus St. Pölten, im nächsten Jahr die Produktion, zweitens wird die Seebühne zur Zeit der EM ohnehin in ein Sportstudio verwandelt (man stellt sich also schon einmal drauf ein) und drittens ist „Playing Away“ auch ein Stück, mit dem jüngere Besucher zu gewinnen sind.

Eine Wucht

Anmerkung: Eine Spielzeit von zwei mal 45 Minuten würden allerdings reichen, und die Solisten Richard Stuart (Stan) Rebecca von Lipinski (La Lola), Claira Wild (Cynthia), Richard Angas (Schiedsrichter), Hubert Francis (Terry) etc. sind eine Wucht.

Weitere Aufführungen der Oper „Playing Away“: 14. August, 22.30 Uhr, 16. August, 20 Uhr, auf der Werkstattbühne im Bregenzer Festspielhaus. Dauer: 2,5 Stunden, 1 Pause.

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