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Pflichtschulen in Wien-Favoriten wehren sich gegen neue Lehrerzuteilung

Die Direktionen aus Wien-Favoriten orten einen "Bluff mit den Brennpunktschulen".
Die Direktionen aus Wien-Favoriten orten einen "Bluff mit den Brennpunktschulen". ©APA/HERBERT NEUBAUER
Der Widerstand gegen die neue Lehrerzuteilung in Wien hält an. In einem offenen Brief an Bildungsministerium, Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr und die Bildungsdirektion orteten die Schulleitungen der Pflichtschulen in Favoriten einen "Bluff mit den Brennpunktschulen".
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Immerhin müssten trotz der Ankündigung einer Förderung von Brennpunktschulen die meisten Standorte in ihrem Bezirk zwischen einem und sechs Lehrer einsparen.

Viele Kinder würden dadurch vertraute Lehrpersonen verlieren und gerade Kinder aus benachteiligten sozialen Verhältnissen darunter leiden. In den Volksschulen könne dadurch weit seltener eine zweite Lehrerin in der Klasse stehen und sich um Kinder kümmern, die besonders viel Förderung brauchen, schildert eine betroffene Schulleitung im Gespräch mit der APA.

Schüler in Favoriten als Verlierer

Die Stadt Wien habe zwar bei ihrem neuen Modell der Lehrerzuteilung eine Art "Mini-Sozialindex" eingeführt, der mehr Lehrerstunden für Standorte vorsieht, an denen es besonders viele Schüler mit Förderbedarf gibt. Diese neuen "Indexstunden" würden allerdings nicht die Stunden ausgleichen, die durch die Neuberechnung des sogenannten Basiskontingent verloren gehen. Dass die Schüler Favoritens - er gehört zu den Bezirken mit den größten sozialen Herausforderungen - gerade in den aktuellen herausfordernden Zeiten zu den Verlierern des neuen Vergabesystems gehörten, sei "unerklärlich und nicht nachvollziehbar".

Das neue System sieht für Schulen ein Basiskontingent vor, für das die Zahl aller Schüler durch die (fiktive) Klassenschüleranzahl 25 dividiert wird. Für größere Klassen, in denen aus pädagogischen Gründen öfters Teilungen stattfinden, bekommt eine Schule damit mehr Posten. Außerdem gibt es Mittel für von Experten der Bildungsdirektion definierte pädagogische Projekte, etwa Schulschwimmen oder muttersprachlichen Unterricht sowie vom Bund vorgegebene Mittel (etwa für Deutschförderklassen).

Eine Schulleitung ortet dabei im APA-Gespräch mehrere Systemfehler. So ist die Zahl der zusätzlichen Stunden, die über den "Mini-Sozialindex" vergeben werden, unabhängig davon, wie groß oder klein eine Schule ist. Dasselbe gelte für den Zuschlag für die Vorschulförderung. Beim Topf für die Projektförderung sei wiederum nicht absehbar, wofür zusätzliche Lehrerstunden vergeben werden. Heuer komme erschwerend dazu, dass die Direktionen bei der Schuleinschreibung im Jänner noch nicht wussten, dass sie - anders als früher - auch in Integrationsklassen mit Schülern mit körperlicher oder psychischer Einschränkung die Klassen mit 25 Kindern besetzen sollten, weil sie sonst Lehrerstellen einbüßen. Im Schuljahr 2022/23, wenn der einmalige Übergangszuschlag wieder wegfällt, sehe es noch einmal düsterer aus.

Bereits Proteste gegen Folgen der Umstellung

Das versprochene Mehr an Flexibilität bei der Verwendung der Basisstunden gebe es auch nur theoretisch, kritisiert eine Schulleitung aus einem anderen Bezirk. In der Praxis reiche das neue Basiskontingent nämlich gerade einmal für den Pflichtunterricht.

Zuletzt hatte schon die ZAG der Wiener Pflichtschulleitungen gegen die Folgen der Umstellung protestiert: Sie führe beim Basiskontingent, das schon in den vergangenen Jahren immer geringer geworden war, an nahezu allen Wiener Pflichtschulen zu weiteren Kürzungen. Die von Bildungsdirektor Heinrich Himmer genannte Zahl, wonach die Hälfte der Standorte gewinne, sei nicht nachvollziehbar, so ein ZAG-Mitglied zur APA. Entgegen der Versprechungen könnten Direktoren auch keineswegs vorab berechnen, wie viele Lehrerstunden sie bekommen. Die Vergabekriterien für die Projektförderung sei ebenso wenig nachvollziehbar wie jene für den Übergangszuschlag.

Da trotz "Mini-Sozialindex" an nahezu allen Standorten das Kontingent weiter geschrumpft sei und viele Infos sehr spät oder gar nicht kommuniziert worden seien, werde der neue Berechnungsschlüssel nicht als "faireres, transparenteres und bedarfsgerechteres Ressourcenzuweisungsinstrument" wahrgenommen. "Es stellt sich vielmehr die Frage, wo diese vielen nicht mehr an den Standorten vorhandenen Stunden gelandet sind."

Eltern gehen am Montag auf die Straße

Und auch der Elternprotest geht weiter: Nach mehreren Petitionen und offenen Briefen wollen Elternvertreter ihren Protest auch auf der Straße zeigen: Für Montag um 14.30 Uhr lädt der Elternverein der Ganztagesvolksschule Alt Erlaa (Wien-Liesing) laut einem Bericht der Tageszeitung "Heute" zu einem Demomarsch, der vom Rathaus zum Bildungsministerium sowie zur Bildungsdirektion führen soll.

Im Büro von Bildungsstadtrat Wiederkehr wurde am Donnerstag erneut betont, dass man bei Härtefällen nach Lösungen suche. Es gebe dazu laufend Gespräche mit den betreffenden Standorten. Und auch in Favoriten sei das Bestreben "alle Standorte so zu unterstützen, dass qualitative Arbeit an den Schulstandorten stattfinden kann", wie die für den Bezirk zuständigen Schulqualitätsmanagerinnen in einer Stellungnahme betonten. Die von den Direktoren des Bezirks genannten Zahlen zu den Einsparungen könnten sie nicht bestätigen.

(APA/Red)

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