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Partys auf dem Rücken der Gesundheitskräfte

In der Pandemie sind Gesundheitsberufe besonders gefordert.
In der Pandemie sind Gesundheitsberufe besonders gefordert. ©AFP
Ärzte, Pfleger und Physiotherapeuten fordern mehr Solidarität von der Bevölkerung. Die ausgelassene Stimmung unter vielen Mitmenschen während der Coronapandemie sorgen für extreme Belastung in Gesundheitsberufen.

Trotz der hohen Covid-19 Fallzahlen wollen die Menschen gerne wieder reisen, einander treffen, feiern und shoppen. Das würde auf dem Rücken des Gesundheitspersonals geschehen, das durch die anhaltende Pandemie ohnehin oft bis über die körperlichen und physischen Grenzen belastet wird, erklären Medizinerinnen am Dienstag vor Journalisten. In Umfragen fordern Ärzte, Pfleger und Physiotherapeuten daher mehr Solidarität von der Bevölkerung.

Am Anfang waren die Menschen in den medizinischen Berufen Helden, weil sie zur Arbeit gingen und sich um Coronakranke kümmerten, als alle anderen zu Hause bleiben mussten, sagte Galateja Jordakieva von der Ambulanz für Arbeitsmedizin der Medizinischen Universität Wien bei einem vom Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF) veranstalteten Onlinevortrag. Die aufopfernde, sehr belastende Tätigkeit mit Covid-19 Patienten würde mittlerweile aber als Selbstverständlichkeit angesehen.

Gesundheitspersonal ausgelaugt

Die Mediziner, Pflegekräfte, Physio- und Ergotherapeuten und das übrige Krankenhauspersonal würde von der Gesellschaft laut qualitativen Befragungen in Wiener Spitälern mehr Solidarität erwarten, so Ruth Kutalek von der Abteilung für Sozial- und Präventivmedizin der Medizin-Uni Wien. Sie erfahren durch die Pandemie enorme psychische und körperliche Belastungen, und müssen sich zum Schutz für ihre Patienten, sich selbst und ihre Familien "ganz extrem an die Schutzmaßnahmen halten", sagte die Expertin: "Für sie fehlt es vollkommen an Verständnis, dass Leute feiern wollen und unnötig reisen."

Die Arbeit mit der Schutzausrüstung sei physisch und psychisch enorm herausfordernd. "Teilweise stecken sie bei der Patientenversorgung drei Stunden lang drinnen, ohne freilich essen, trinken, geschweige denn das WC besuchen zu können", so Kutalek. Das An- und Ausziehen sei extrem zeitaufwändig und man könne dadurch die Patienten nicht einmal in Notfällen so schnell aufsuchen wie unter "normalen" Bedingungen.

Situation auch psychisch belastend

"Dazu kommt eine enorme psychische Belastung, wenn ältere, aber auch junge Patienten, die voll im Leben standen, auf einmal auf der Intensivstation gelandet sind", sagte sie. Oft haben sie mit sehr ängstlichen, verzweifelten und teilweise auch sehr fordernden Patienten zu tun, die isoliert im Zimmer sind, keine Besuche empfangen dürfen, und manchmal wegen Demenzerkrankungen gar nicht einmal wissen, warum sie dort sind.

Die Gesundheitskräfte müssen freilich auch ständig eine eigene Ansteckung fürchten, noch mehr Sorge mache ihnen jedoch, dass sie quasi Covid-19 nach Hause bringen könnten und ihre Familie damit gefährden. "Dies mit Klatschen nach 18 Uhr zu goutieren, ist nicht genug", hätten manche Ärzte zu ihr gesagt, berichtet Kutalek. Sie fordern mehr Solidarität ihrer Mitmenschen. Aktuell werden sie teilweise sogar im Krankenhaus sowie im privaten Bereich stigmatisiert.

Hohes Engagement, aber viel Frust

"Es gibt nach wie vor ein hohes Engagement und eine hohe Bereitschaft beim Gesundheitspersonal, aber leider auch sehr viel Frust", so die Sozialmedizinerin. Dies würde sich möglicherweise auf die Verfügbarkeit der Fachkräfte in der Zukunft auswirken.

(APA/red)

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