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Ottakringer Straße: Der Chef zahlt ein Pivo

So unterschiedlich wie die Fußballphilosophie zwischen Österreich und Kroatien, so ist offenbar auch das Verhalten der Fans vor dem Fernseher.

Während in einem Ur-Wiener Vorstadtbeisl die mehr oder weniger fachmännischen Kommentare sowie die zahlreichen Unmutsäußerungen die Geräuschkulisse dominieren, rennt im Cafe “Polo” auf der Ottakringer Straße der Fernseher auf Volllautstärke, während die Zuseher vor lauter Konzentration kaum dazu kommen, ihren Emotionen freien akustischen Lauf zu lassen.

HTV2, Dank sei dem Satelliten, bringt stundenlange Vorberichterstattung nach Ottakring, und den Fans der Kroaten Anweisungen, wie sie ihre Mannschaft, sofern sie über Karten verfügen, möglichst effektiv anfeuern können. Die Stammgäste des Cafes “Polo” bleiben aber lieber im Freien, um das Spektakel der zahlreich vorbeiflanierenden Fans mitanzusehen und sich gegenseitig zuzujubeln.

Erst mit Anpfiff füllen sich die wenigen Quadratmeter, bei der Hymne wird aber weder aufgestanden noch mitgesungen. Dafür fällt der Protest nur wenige Minuten nach Beginn umso lauter aus, als der kroatische Stürmer im Strafraum gelegt wird, bis der Schiedsrichter auf den Elfmeterpunkt zeigt. Beim Schuss selbst will ein Endvierziger aber gar nicht zusehen, reißt danach jedoch den Mund zum Jubelschrei danach umso weiter auf.

Wenig später verliert der Mann fast seine Sonnenbrille samt kariertem Fan-Kapperl, als Pogatec die Notbremse zieht. Warum dieser nicht Gelb sieht, entzieht sich der Einsicht jeder kroatischen Seele. Nun sind auch die ersten deutschen Wörter zuhören: “Bist Du deppert” und “Rot, Rot!!!” dringen aber nicht von Ottakring in die Leopoldstadt vor. Dafür müsste es aber dem Pfeiferl des vierjährigen Buben gelingen, der es sogar schafft, den Lärm des Fernsehers zu übertreffen. Sehenswert ist sein gesamtes Outfit: Teamdress, Aufklebe-Tattoos und kariert gefärbte Haare – was dazu am Montag wohl die Kindergartentante sagen wird…?

Zur Pause drängt es alle Gäste wieder auf die Straße, dort gibt es zwar nicht so viel zu sehen, dafür aber wieder einige Kanonenschläge zu hören, mit denen auch schon der erste Treffer gefeiert wurde. Nur ungern geht es danach wieder in die verrauchte Luft, an der die Austria Tabak aus Patriotismus nicht einen Cent verdient hat. Keine Frage, hier wird es in absehbarer Zeit kein Nichtraucher-Lokal geben.

Dass nach der Pause Ivica Vastic ins Spiel kommt, ist hier nur für ein paar Lacher gut, fürchten tut sich hier niemand vor dem gebürtigen Kroaten. Und auch sonst kommt nie so etwas wie Furcht auf, dass Österreich den Ausgleich erzielen könnte, klar 100-prozentige Chancen hat man leider nicht gesehen. Erst kurz vor Schluss kommt ein wenig Nervosität auf. Dass man Tore, die man nicht schießt, oft selbst bekommt, das weiß man klarerweise in Zagreb und Dubrovnik – aber so weit kommt es denn doch nicht. Und mit Schlusspfiff geht es raus auf die Ottakringer Straße, um dort mit allen anderen Kroaten zu feiern, möglichst laut und ausgelassen. Dass der Chef in der Pause eine Lokalrunde geschmissen und auch ein Pivo bezahlt hat, mildert den Ärger über die rot-weiß-rote Niederlage beim österreichischen Betrachter ein wenig….

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