ORF weiter mit SPÖ im Clinch

Donnerstagabend, Schönbrunn, "Konzert für Europa": Auch ein Jahr nach dem Start der ORF-Debatte kommt der Sender nicht zur Ruhe. Wolf und Mück eröffnen neue Front.

ORF-Kulturjournalistin Barbara Rett moderiert beim „Konzert für Europa” die Übergabe eines Millionenschecks an den früheren US-Präsidenten Bill Clinton. Mit von der Partie ist auch Bundeskanzler Alfred Gusenbauer von der SPÖ. Gleich beim Einstieg geht es um das Wetter, und es geht um den Kanzler. Die ORF-Journalistin in Richtung des Regierungschefs: „Herr Bundeskanzler, drei Mal war das Konzert völlig verregnet, diesmal ist das Wetter unvergleichlich schön. Bei wem haben Sie interveniert…?”

Schon seit Tagen liegen zwei ORF-Redaktionen, jene von ORF.at und die des ORF-Niederösterreich, miteinander im Clinch, und im Hintergrund hat wieder einmal die Politik ihre Hände im ORF-Spiel. Auch ein Jahr nach der Aufsehen erregenden Rede des „Zeit im Bild 2″-Moderators Armin Wolf bei der Verleihung des Robert Hochner-Preises, des unmittelbar darauf folgenden Starts der Initiative „SOS ORF” und einer mehrwöchigen Debatte um politischen Einfluss im ORF, die in einem Wechsel der Geschäftsführung des Senders gipfelte, kommt der ORF offenbar nicht zur Ruhe.

Während im Zusammenhang mit der angeblichen Intervention des Kanzleramtes bei ORF-ON auf den ORF-internen Untersuchungsbericht gewartet wird, der Anfang kommender Woche Generaldirektor Alexander Wrabetz vorgelegt werden soll, ist nun in Abwesenheit des ORF-Chefs, der diese Woche bei den jährlichen TV-Screenings in Los Angeles die neuen TV-Serien-Trends aus den USA verfolgte, eine weitere Front aufgebrochen. Armin Wolf gegen Werner Mück lautet das neue, alte Match: ORF-Vergangenheitsbewältigung, ausgetragen auf den Kommentar-Seiten der Tageszeitung „Der Standard”.

Schon vor einigen Tagen ließ Wolf die Jahre vor dem Machtwechsel am Küniglberg noch einmal Revue passieren und schoss seine Salven gegen den früheren Fernseh-Chefredakteur und nunmehrigen TW1-Chef Werner Mück ab. „Viele Journalisten im ORF waren verzweifelt. Weil sie ihre Arbeit nicht so tun konnten, wie sie es gelernt hatten. Weil in der Fernseh-Information ein Umgangston herrschte wie auf einer Galeere und weil als oberstes Motto für die Info-Sendungen galt:

’Ruhe ist oberste Bürgerpflicht’ und: ’Nur keine Wellen’”.

Im „neuen ORF” sieht Wolf zwar noch nicht alles perfekt, „aber was die Freiheit der Fernseh-Information angeht, so ist sie heute wieder unvergleichlich größer, als sie in den Lindner/Mück-Jahren war und auch in den letzten beiden Jahren unter Gerhard Weis”. Die unter Mück praktizierte „strikte Zentralisierung” sei inzwischen „abgeschwächt”, so Wolf anlässlich des Jahrestags seiner Hochner-Preisrede, die von der damaligen ORF-Chefin Monika Lindner als „Brandrede” tituliert wurde und für die Mück schon mal – zynisch und wortgewaltig – das Montieren eines „Marterls” für den „pragmatisierten ORF-Helden” in der Hofburg vorgeschlagen hatte.

Die neuerliche Kampfansage Wolfs wollte der frühere Fernseh-Chefredakteur offenbar nicht kommentarlos hinnehmen. „Es gibt noch eine andere Wahrheit im ORF”, überschreibt Mück seinen journalistischen Briefverkehr mit Wolf in der Freitag-Ausgabe des „Standard”. Und schlägt dann in der Mück eigenen Sprachmächtigkeit zu: „Armin Wolf wähnt sich am Ziel: Das Fell des Bären ist zerteilt, viele Häuptlinge balgen sich um vergleichsweise wenige Indianer. Probleme gibt es – folgt man seiner Laudatio auf sich selbst – abgesehen von den Streifen in der ’ZiB’-Deko kaum. Die große Freiheit ist ausgebrochen, der Küniglberg ein Wellnesspark. Was Wolf geflissentlich ’übersieht’: Neun von zehn leitenden Mitarbeitern der TV-Information gelten als Sozialdemokraten. Das mag sie an anständiger Arbeit nicht hindern, aber Pluralität, um die es angeblich ging, sieht anders aus.” Wolf selbst bezeichnet Mück als „Brandstifter”, der als Leiter der „ZiB 3″-Redaktion seine Kolleginnen und Kollegen einst „zu tränenreicher Verzweiflung getrieben hat” und den „ZiB 2″-Moderationseinsatz von Ingrid Thurnher „jahrelang zu seinen Gunsten reduziert haben wollte”.

Kritik übt Mück aber auch an ORF-Chef Wrabetz. Der TW1-Chef freut sich im „Jahr danach” jedenfalls, „dass aus dem Informations-Saulus Alexander Wrabetz ein Paulus geworden ist. Dass er als Generaldirektor immens viel Geld für die TV-Information locker macht und Wünsche erfüllt, für die er mich noch vor Jahresfrist für verrückt erklärt hätte.” Das fördere das Selbstwertgefühl der Redaktionen nach jahrelangen Sparpaketen und sei überdies gut angelegtes Geld. Dennoch glaubt Mück, dass es im Zusammenhang mit der Kritik an der ORF-Programmreform nicht nur um die Streifen in der „ZiB”-Deko gehe. „Es gilt das Wrabetz-Zitat ’Das Publikum hat immer Recht’. Und das war zu meiner Zeit bei den Sendungen der TV-Information definitiv in weit größerer Zahl dabei als heute”, so Mück.

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