Öffnung im Mai? Themenverfehlung!

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Gastkommentar von Johannes Huber. In Österreich gibt es weiterhin viel zu viele Neuinfektionen und viel zu wenig Impfstoff. Darauf sollte man sich konzentrieren. Sonst kann man alles andere überhaupt vergessen.

Der Gesundheitsminister ist erkrankt, der Bundeskanzler tut das, was er am liebsten macht: Er versucht, die Menschen in Österreich mit Verheißungen bei Laune zu halten. Vor zehn Monaten, am 13. Juni 2020, erklärte er auf „Facebook“, dass „die gesundheitlichen Folgen der Krise überstanden“ seien. Auf die vorhergehende sollte in Wirklichkeit jedoch eine viel größere zweite Infektionswelle folgen. Also sprach Sebastian Kurz (ÖVP) von einem Tunnel und einem Licht an dessen Ende. Nach Weihnachten bezeichnete er die Corona-Impfungen als „Game Changer“. In Wirklichkeit ist es jedoch zu einer dritten Welle gekommen, die zumindest in Wien zu so vielen Intensivpatienten wie noch nie geführt hat. Doch nicht einmal das konnte den Kanzler dazu motivieren, sich endlich den realen Problemen der Gegenwart zu widmen. Er kündigte vielmehr Öffnungsschritte im Mai an.

Diese Strategie mag dazu dienen, Popularitätswerte zu stützen. Dem einen oder anderen hilft sie im Übrigen vielleicht, kräfteraubende Beschränkungen zu ertragen. Wenn man weiß, dass irgendwann auch diese Pandemie vorbei sein wird, fällt das möglicherweise etwas weniger schwer.

Der Sache dient es aber ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Jede Ablenkung von der Bekämpfung des Infektionsgeschehens einerseits und der Organisation einer beschleunigten Impfkampagne andererseits ist kontraproduktiv. Man kann sich wünschen, mit Freundinnen und Freunden bald wieder auf ein Bier oder ein anders Getränk in ein gemütliches Lokal gehen zu können; ein Konzert in der Stadthalle oder ein Fußballspiel im Happel-Stadion besuchen zu dürfen; als arbeitsloser Unselbstständiger oder als auftragsloser Selbstständiger endlich wieder Geld verdienen zu können – all das wird jedoch erst dann möglich sein, wenn Corona unter Kontrolle gebracht ist.

Stand heute ist das nicht in Sicht: Auch der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) hat in den vergangenen Wochen viel zu lange gewartet, bis er zu einem kurzen und schließlich zu einem etwas längeren Lockdown bereit war. Die Zahlen waren bereits viel zu hoch. Ergebnis: Laut Prognosekonsortium des Gesundheitsministeriums könnte es zwar gelingen, für eine Stabilisierung zu sorgen, in einer Woche dürfte es aber nicht viel weniger Neuinfektionen geben als derzeit und in zwei Wochen kaum weniger Patientinnen und Patienten auf den Intensivstationen.

Die Zahlen müssen runter. Das ist kein Selbstzweck: Wenn die Spitäler überlastet bleiben, bleiben immer mehr Nicht-Corona-Fälle auf der Strecke. Wenn es weiterhin auch nur annähernd so viele Neuinfektionen gibt wie heute, wächst die Gefahr, dass sich ansteckendere, gefährlichere Mutationen ausbreiten; dass das Gesundheitssystem wirklich kollabiert; dass Schulen noch länger auf „Distance-Learning“ umgestellt werden; dass sich weiterhin viel zu viele Menschen in Quarantäne befinden und ihren Betrieben daher nicht zur Verfügung stehen – und so weiter und so fort.

Nachbarländer wie die Schweiz und Deutschland gehen vernünftiger vor: Sie haben Werte festgelegt, ab denen Lockerungen möglich sind. Das wäre zum Beispiel auch für Wien etwas: Sobald eine bestimmte Inzidenz unterschritten ist, können Wirtshäuser wieder aufsperren und zumindest tagsüber Gäste empfangen. In der Modellregion Vorarlberg scheint das einigermaßen zu funktionieren.

Johannes Huber betreibt den Blog dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik

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