Neue Max-Raabe-CD: "Haben wir nicht alle kleine Krisen?"

Am 28. Jänner erscheint mit "Küssen kann man nicht alleine" das neueste Album des Vielarbeiters Max Raabe (48), der seit 1986 mit dem Palast Orchester um die Welt tourt und der Musik der 1920er und 30er Jahre zu neuer Blüte verholfen hat.
"Küssen kann man nicht alleine": Max Raabe holt sich Annette Humpe
Max Raabe: CD-Präsentation
Beim neuesten Werk handelt es sich allerdings um eine Premiere: Erstmals veröffentlicht Raabe ein ganzes Album mit eigenen Liedern. Komponiert hat er diese gemeinsam mit Erfolgsproduzentin Annette Humpe (DÖF, Ich + Ich). Aus diesem Anlass sprach der Sänger mit der APA über die Frage, ob er mehr Krisen als andere Menschen hat, den kräftigen Klang von Feuerwehrkapellen und über die Aufregung, in der New Yorker Carnegie Hall zu singen.

Wien. APA: Sie sind seit 25 Jahren Profimusiker und haben Ihr Kompositionstalent – etwa mit “Kein Schwein ruft mich an” – auch schon wiederholt unter Beweis gestellt. Wieso veröffentlichen Sie erst jetzt ein ganzes Album mit Eigenkompositionen?

Raabe: “Manchmal ist die Zeit eben erst spät reif. Und jetzt hing das Ganze im Raum. Außerdem konnte keiner ahnen, dass das eine ganze Platte werden würde. Es gab nur die Idee zu einem Stück. Annette Humpe hatte die Zeile ‘Küssen kann man nicht alleine’ in den Raum gestellt und gesagt: ‘Mach Dir mal Gedanken.’ Und die Zeile hat mich sofort elektrisiert. Dann haben wir uns getroffen, und innerhalb einer guten Stunde stand schon beinahe das gesamte Konzept für das Lied. Irgendwann war dann auch die Idee zum zweiten Stück da. Wir haben weitergeschrieben und während des dritten sagten wir dann: ‘Ach komm, da machen wir jetzt ein Album daraus.’ Das ging dann Schlag auf Schlag.”

APA: Nun ist Annette Humpe ähnlich wie Sie eine Allrounderin. Wie hat sich Ihre Zusammenarbeit konkret gestaltet?

Raabe: “Einige Ideen zu den Stücken kamen von ihr, einige von mir. Sobald eine Idee da war, ging das immer im Schlagabtausch. Oder sie kam mit einer Phrase und ich musste das Füllmaterial dazu bringen, oder eine komische Wendung beifügen. Manchmal haben wir auch zwei oder drei Stücke gleichzeitig gestaltet. Es war ein sehr wildes Durcheinander. Manche Stücke sind dann auch ganz durch den Rost gefallen. Aber die Charaktere, die Aussagen und die Wendungen der Lieder, das haben wir uns immer gegenseitig präsentiert.”

APA: In allen Liedern fungieren Sie als Ich-Erzähler; viele wie “Krise” oder “Täglich besser” handeln von überstandenen Krisen. Wie autobiografisch sind die Texte?

Raabe: “Sind wir doch mal ehrlich. (Hebt ironisch die Augenbraue). Haben wir nicht alle unsere kleinen Krisen? Wir sind davor nie gefeit. Ich kenne das genauso wie jeder andere auch. Mal sind sie stärker, mal schwächer. Ich habe natürlich sehr viele Sachen auch erlebt. Das Stück ‘Krise’ ist eines der Lieder, das auch sehr stark von Annette Humpe abhängig war.”

APA: Nun klingt das Palastorchester auf der neuen CD mal wie eine Blaskapelle, mal wie ein großes Salonorchester. Wovon machen Sie bei der Komposition die Instrumentierung abhängig? “Wenn Text und Melodie schon stehen, dann ist die Überlegung, in welche Richtung man geht, sehr schnell gefunden. Da kam bei ‘Doktor, Doktor’ von Humpe ganz schnell die Idee: ‘Das muss klingen wie eine Feuerwehrkapelle.’ Nichts leichter als das – wobei, so einfach ist es auch nicht. Es darf ja nicht banal klingen, schließlich haben Feuerwehrkapellen eine große Kraft. Wenn sie gut gespielt sind, verteilen sie gute Laune, und zwar massiv.”

APA: Wobei die Stücke natürlich immer klar als MaxRaabe erkennbar sind…

Raabe: “Das stimmt. Aber sonst hätte man einen anderen Sänger nehmen müssen, und das wäre mir dann ungut aufgestoßen.”

APA: Zumindest sind Sie ja im Vorjahr mit der ersten Soloplatte “Übers Meer” ohne das Palastorchester “fremdgegangen”. Wird es in Zukunft verstärkt in diese Richtung gehen? Oder wird es auch in 20 Jahren noch MaxRaabe und das Palastorchester geben?

Raabe: “Ganz bestimmt werde ich mit dem Orchester weiterarbeiten. Ich bin ja ganz vernarrt in dies Musik der 1920er und 30er Jahre, das ist mein großes Thema. Aber ich bin ja auch Musiker und jemand, der sich immer wieder etwas Neues ausdenken möchte. Trotzdem weiß ich, was mir Spaß macht. Alles ist im Rahmen meiner Möglichkeiten und meines Geschmacks – und ich will mich da auch nicht beschneiden. Wenn ich beispielsweise vorher Titel selbst geschrieben habe, klangen die immer musikalisch gesehen nach den 1920er Jahren. Deshalb war es notwendig, die aktuelle Platte mit einer modernen Komponistin zu machen, damit man auch über Themen schreiben kann, die zeitlos sind. Das wäre sonst Etikettenschwindel gewesen.”

APA: Sie singen beinahe ausschließlich auf Deutsch – und doch führen Sie Ihre Tourneen in die USA, nach Frankreich, Finnland. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Raabe: “Zum einen herrscht im Ausland ein großes Interesse an Sachen, die aus Berlin kommen. Und deutsche Musik aus der Zeit macht eben auch niemand. Und gerade für Amerikaner ist es sehr verblüffend, dass es Deutsche gibt, die komisch sind und Humor haben. Mit diesem Überraschungseffekt arbeiten wir. Überdies ist das, was man hören kann, durchdacht. Wir halten die Leute eben vom ersten bis zum letzten Ton bei der Stange.”

APA: Ist die Struktur des Publikums im Ausland ähnlich wie im deutschsprachigen Raum oder gibt es Unterschiede?

Raabe: “Es gibt im Ausland viele alte Leute im Saal, aber auch viele Leute in meinem Alter. Es ist eigentlich sehr gemischt. Was schon seit langem zu beobachten ist, ist, dass viele Kinder ins Konzert kommen, weil es eine Musik ist, die nachvollziehbar ist, weil man immer auch das Instrument sieht, dem ein Ton entspringt. Das ist bei Unterhaltungsmusik ja relativ selten.”

APA: Sie haben im Oktober das erste Konzert in Israel gegeben und werden auch mit der neuen CD nach Israel reisen. Ist dies für einen deutschsingenden Künstler nach wie vor etwas Besonderes?

Raabe: “Das war für mich eine der großen Herausforderungen. Nun sind natürlich sehr viele der Komponisten und Texter in unserem Repertoire Juden. Aber für die Israeli waren das natürlich primär deutsche Töne, die sie da gehört haben. Deshalb musste man erklären, was man da tut. Da haben die Journalisten gefragt: ‘Weshalb kommen Sie hierher und singen Deutsch?’ Und dann haben sie einem erzählt, wie Mitglieder ihrer Familie von meinem Volk umgebracht wurden. Im Nachhinein wundere ich mich aber, dass ich mir so viele Sorgen gemacht habe. Natürlich muss man mit der Musik, die man auf der Bühne macht, die Leute für sich gewinnen. Und das hat am Ende immer funktioniert – es gab stehende Ovationen und Bravorufe. Das war mir sehr wichtig, das war eine Anerkennung, die ich sehr genossen habe.”

APA: Hilft einem nach 20 Jahren Tournee-Erfahrung Routine über die Auftrittsangst?

Raabe: “Bei der Carnegie Hall hat mir die Routine beispielsweise nicht viel geholfen. Bevor ich rausgekommen bin, war ich schon nervös. Dann bin ich auf die Bühne gegangen und bin mit einem Mal noch nervöser geworden und musste mich wirklich zwingen, mich zu beruhigen, während das Orchester die Einleitung gespielt hat. Und ich war blöd genug, einen der stimmlich schwierigsten musikalischen Titel als Anfang zu nehmen. Der war ganz leise und konzentriert, dabei hätte ich etwas zum Losbellen haben müssen, um die Anspannung loszuwerden. Aber das hat sich dann gelöst und nach dem dritten Stück habe ich gedacht: ‘Ja, so machst Du jetzt weiter.'”

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