Neue Corona-Variante aus Südafrika bereitet Sorgen

Südafrika ist mit seiner Impfquote von rund 24 Prozent deutlich über dem Afrika-Durchschnitt.
Südafrika ist mit seiner Impfquote von rund 24 Prozent deutlich über dem Afrika-Durchschnitt. ©AP
Bisher unbestätigte Berichte über eine neue Coronavirus-Variante aus Südafrika bereitet Experten Sorgen. Zudem stehen mehrere afrikanische Staaten vor einer erneuten Coronawelle. Im Schnitt sind auf dem Kontinent nicht einmal 7 Prozent der Bevölkerung sind geimpft.

Mehr als 30 Mutationen im Spike-Protein des SARS-CoV-2-Virus trägt eine neue Variante, die kürzlich im südlichen Afrika aufgetaucht ist. Sie beginnt sich offenbar in der die großen Städte Johannesburg und Pretoria umfassenden südafrikanischen Provinz Gauteng auszubreiten. Die besondere Kombination gibt laut dem Wiener Genetiker Ulrich Elling Anlass zur Sorge. Auch die WHO wurde bereits auf die Variante "B.1.1.529" aufmerksam, und wird am Freitag eine Sitzung dazu abhalten.

Während im Rest von Südafrika die Covid-19-Pandemie im aktuell dort herrschenden Frühling stark gebremst verläuft, sehe man in der Provinz Gauteng seit kurzem einen massiven Anstieg der Neuinfektionen. Das sei interessant, da Südafrika eigentlich nach früheren starken Ausbrüchen relativ durchseucht ist, so der Experte vom Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW): "Gauteng fällt dann doch negativ auf." Der sprunghafte Anstieg gipfelte dort am gestrigen Mittwoch in über 1.000 Neuinfektionen.

WHO hat Variante am Schirm

Unter den wenigen sequenzierten Viren-Genomen aus der Region macht die Variante unter der Bezeichnung B.1.1.529 laut Berechnungen Ellings bereits rund zwei Drittel aus. Die ersten drei bestätigten Fälle kommen aus Botswana, ein Fall wurde bei einem südafrikanischen Urlauber in Hongkong nachgewiesen. Die Situation sei zwar noch unübersichtlich, die WHO berate sich aber bereits dazu, so Elling am Donnerstag im Gespräch mit der APA.

Leider vereine die Variante sehr viele als bedenklich geltende Mutationen in dem Spike-Protein. 32 Veränderungen zählen die Experten, obwohl die publizierten Daten noch mit etwas Unsicherheit behaftet seien. Dass eine Variante derartig viele Mutationen anhäufen konnte, ist laut Elling erstaunlich. Außerdem finden sich drei neu eingesetzte Bausteine in der Sequenz des S-Proteins. Das komme "normalerweise nie vor", so der Wissenschafter, der seit vielen Monaten mit seinem Team die Analysen des Proteins in Österreich durchführt. Unter den vielen Mutationen sei dies "die Verrückteste".

Spike-Protein stark verändert

Stark verändert präsentiert sich u.a. auch der Erbgut-Teil, der den Bauplan für jene Stelle am Protein liefert, mit dem das Virus an menschlichen Zellen andockt (rezeptorbindende Domäne). Mit an Bord habe die Variante auch bekannte Veränderungen, die mit der Umgehung des Immunschutzes in Verbindung gebracht werden, sowie komplett neue Veränderungen.

Noch ist nicht nachgewiesen, dass der sprunghafte Anstieg durch die Variante verursacht wird, betonte Elling. Dass die Mutationsanhäufung aber kein Laborfehler ist, sei gesichert, da sie bereits in mehreren Laboren gefunden wurde. Bei der eben erst aufgepoppten B.1.1.529-Variante handle es sich jedenfalls um die aktuell besorgniserregendste Mutationsanhäufung.

Bereits 77 Personen in Südafrika mit "ungewöhnlichen" Mutanten erkrankt

Auch das südafrikanische Gesundheitsministerium hat am Donnerstag im Rahmen eines Briefings auf die Situation Bezug genommen. Der Experte Tulio de Oliveira wies dort darauf hin, dass es landesweit bereits 77 Fälle mit der "sehr ungewöhnlichen Mutationskonstellation" gebe. Alleine in der rezeptorbindenden Domäne zähle man zehn Mutationen. Im gesamten Virusgenom gebe es um die 50 Veränderungen.

Ein "Vorteil" der Variante sei, dass sie sich mittels PCR-Test detektieren lasse, so der Wissenschafter: "Das wird uns helfen, sie zurückzuverfolgen und die Ausbreitung zu verstehen." Seinen Anfang nahm der Ausbruch demnach vermutlich unter Studenten in der Region Gauteng. Ob die Variante in der Region entstanden ist, könne man nicht sagen.

"Wir beobachten das sehr genau"

John Nkengasong von der Gesundheitsorganisation der Afrikanischen Union (Africa CDC) betonte am Donnerstag, die Daten würden untersucht und ausgewertet. "Wir beobachten das sehr genau", sagte er. Aktuell könnten dazu aber keine Aussagen getroffen werden.

Insgesamt ist der Trend bei den Neuinfektionen in Afrika derzeit rückläufig. Gegenüber der Vorwoche sank die Zahl um elf Prozent, die Zahl der Todesfälle um 15 Prozent. Insgesamt wurden bisher in Afrika laut CDC rund 8,6 Millionen Infektionen dokumentiert, von denen mehr als 222.000 tödlich waren. Die Dunkelziffer dürfte nach Angaben von Nkengasong auf dem Kontinent mit seinen 1,3 Milliarden Menschen allerdings höher liegen.

Impfung von Alten und Kranken muss vorrang haben

Der Behördensprecher sprach sich gegen eine Impfpflicht aus. Die Impfung älterer und kranker Menschen müsse Vorrang haben vor Booster-Impfungen oder Vorsorge-Impfungen von Kindern, mahnte er. Andernfalls gerate das Ziel in Gefahr, bis Ende kommenden Jahres 70 Prozent der afrikanischen Bevölkerung zu impfen.

Die CDC versucht, die Mittel der afrikanischen Staaten zu bündeln und Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie zu koordinieren. Bisher hat Afrika laut CDC rund 403 Millionen Impfdosen beschafft, von denen 55 Prozent verabreicht wurden. Nkengasong begründete die niedrige Impfquote unter anderem mit logistischen Problemen und rief dazu auf, in den einzelnen Staaten wieder verstärkt zu testen.

In Afrika sind nur 6,6 Prozent der Bevölkerung vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Der Trend bei den Neuinfektionen zeigt insgesamt zwar nach unten, in mehreren Staaten des Kontinents hat sich aber eine vierte Corona-Welle ausgebreitet, wie aus offiziellen Zahlen hervorgeht.

(APA/red)

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