Nachbar war zu laut - Pensionist rastete aus

Weil ihr Vater im Innenhof eines Gemeindebaus in Wien-Fünfhaus einem Nachbarn zu laut war, sind ein zwei und ein fünf Jahre altes Mädchen nun Halbwaisen. Der Täter erhielt dafür sechs Jahre Haft.

Der 33-jährige Mann wurde in der Nacht zum 18. Juni 2005 in der Tautenhayngasse von einem pensionierten Fernfahrer erschossen. Am Mittwoch musste sich der 64 Jahre alte Schütze wegen Mordes im Straflandesgericht verantworten.

Die Geschworenen verneinten nach rund einstündiger Beratung einstimmig die Anklage und entschieden auf absichtlich schwere Körperverletzung mit Todesfolge. Das Schwurgericht (Vorsitz: Thomas Schrammel) verhängte dafür sechs Jahre Haft, was bei der anwesenden Witwe, den Eltern, dem Bruder und den Schwiegereltern des Getöteten auf Unverständnis und Empörung stieß. Nach der Urteilsverkündung waren entsprechende Unmutsäußerungen zu vernehmen. Die Witwe brach in Tränen aus und musste von ihrer Mutter getröstet werden.

Seit Jahrzehnten lebt der Fernfahrer mit seiner Ehefrau in dem neun Stiegen umfassenden Gemeindebau. Als Vertrauensmann vertrat er einige Zeit auch die Interessen der Mieter. Mit dem Wechsel in den Ruhestand entwickelte sich der Mann jedoch zu einem Unruheherd, vor dem sich einige Mitbewohner regelrecht fürchteten: Er ließ etwa die Polizei kommen, wenn sich am Spielplatz lachende Kinder aufhielten. Er brüllte ausländerfeindliche Bemerkungen aus dem Fenster, wenn es draußen nicht ruhig war.

Es war Mitternacht, als der nach Hause kommende Familienvater mit einer befreundeten Hausbewohnerin zusammen traf, die ihren Hund Gassi führte. Die beiden kamen ins Gespräch, was der im ersten Stock wohnende Pensionist hörte. Der hatte sich bei geöffnetem Fenster – es herrschten trotz der späten Stunde noch immer sommerliche Temperaturen – schlafen gelegt.

„Ihr Tschuschen, warum macht ihr so einen Lärm? Geht’s was hackeln! Zahlt’s für die Pension ein!“, geiferte er aus dem Fenster. Der 33-Jährige schimpfte zurück. „Ich komm’ runter!“, schrie der Ältere. „Ich warte!“, lautete die Antwort.

Ehe er tatsächlich im Schlafrock ins Freie eilte, griff sich der 64-Jährige aus einer versperrten Schublade noch eine tschechische Pistole vom Kaliber neun Millimeter. „Wahrscheinlich hab’ ich ihn nur abschrecken wollen. Ein Warnschuss, und die Sache ist erledigt“, erklärte er dem Gericht.

Der Mann habe „unten so laut geredet“, während er zuvor mit Kopfhörern fern gesehen habe, betonte der Angeklagte: „Damit der Lärm nicht raus dringt. Damit die anderen nicht gestört sind.“ Das Opfer dürfte die Waffe nicht für echt gehalten haben. Der groß gewachsene, bullige Mann näherte sich dem Rentner. „Da hab’ ich die Waffe runter genommen und muss abgedrückt haben. Ich hab’ damit gerechnet, dass er mir eine gibt“, stellte dieser fest.

Der Schuss traf den 33-Jährigen im Bauch und durchschlug die Hauptschlagader. Er war binnen weniger Minuten tot. Der Schütze kehrte in seine Wohnung zurück, verständigte die Rettung, zog sich ordentlich an und trug seiner inzwischen aufgewachten Frau auf, die Polizei anzurufen. Dann begab er sich wieder in den Innenhof und ließ sich von den eintreffenden Beamten festnehmen.

„Ich weiß nicht, dass ich so blöd sein kann“, bemerkte der Pensionist abschließend. Ob er gegen das Urteil Rechtsmittel einlegen wird, will er sich noch überlegen. Er erbat daher Bedenkzeit. Der Staatsanwalt gab vorerst keine Erklärung ab.

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