Mutation in Indien bereitet Sorgen auf der ganzen Welt

Die Corona-Zahlen in Indien steigen rasant an.
Die Corona-Zahlen in Indien steigen rasant an. ©AP
Die Coronazahlen in Indien schnellen in die Höhe und eine neue Mutation macht sich dort breit. Noch bestehe zwar keine allzu große Gefahr für andere Länder, dennoch bereitet die neue Variante B.1.617 Sorgen.

Indiens Gesundheitssystem droht unter der Corona-Last zusammenzubrechen. Der rasante Anstieg der täglichen Neuinfektionen hat zu einer Knappheit an Medikamenten und medizinischem Sauerstoff geführt, vor den Krankenhäusern stehen die Patienten Schlange. Mitverantwortlich für die dramatische Lage könnte die neue Virus-Mutation B.1.617 sein. B.1.617 wurde bisher in Österreich nicht nachgewiesen, betonte der Virologe und Immunologe Andreas Bergthaler Montagfrüh auf Twitter.

"Ob diese Variante mit Fluchtmutationen infektiöser ist bzw. zu schwererer Krankheit führt, ist unklar. Die Infektionswelle in Indien könnte auch andere Gründe haben", erläuterte der Experte vom Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Die katastrophale Situation in Indien sei wohl vorrangig dem katastrophalen Pandemie-Management geschuldet und eventuell erhöhter Übertragbarkeit, schrieb auch der Molekularbiologe Martin Moder in dem Kurznachrichtendienst. Gegen die Mutation aus Indien "dürften die Impfstoffe gut wirksam sein", betonte er.

Indische Mutation in 18 Ländern nachgewiesen

Viren sind ständig im Wandel. Das Virus, das die weltweite Corona-Pandemie ausgelöst hat, hat bereits Tausende Mutationen durchlaufen, einige davon sind bedenklicher als andere. Indien meldete der Sequenzdatenbank der Global Initiative for Sharing All Influenza Data (Gisaid) erstmals im Oktober 2020 das Auftreten des Genoms B.1.617.

Das indische Gesundheitsministerium wies Ende März 2021 auf die Variante hin. Zu diesem Zeitpunkt wurde sie demnach bei 15 bis 20 Prozent der analysierten Proben in dem am stärksten von der Pandemie betroffenen Bundesstaat Maharashtra nachgewiesen. Jüngsten Angaben zufolge macht B.1.617 in Indien mittlerweile rund 60 Prozent der Corona-Neuinfektionen aus. Auch in 18 weiteren Ländern wurde die Variante bereits festgestellt.

B.1.617 bisher nicht "besorgniserregend"

Die Mutation B.1.617 wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bisher als "von Interesse" eingestuft. Anders als die Varianten, die zuerst in Brasilien, Südafrika und Großbritannien entdeckt wurden, gilt B.1.617 bisher nicht als "besorgniserregend".

Die Variante weist mehrere Mutationen auf, darunter E484Q und L452R. Mit diesen Abkürzungen wird die genaue Position der jeweiligen Erbgutveränderung im Virus-Genom angegeben. Die beiden Mutationen sind der Grund, warum B.1.617 auch als Doppel-Mutation bezeichnet wird.

E484Q ähnelt einer Mutation, die auch bei den südafrikanischen, brasilianischen und britischen Mutationen festgestellt wurde: der Mutation E484K. Diese wird von Experten als "Escape-Mutation" bezeichnet, da sie dem Virus hilft, dem Immunsystem des menschlichen Körpers zu entkommen. Die zweite Mutation, L452R, ist einer kalifornischen Studie zufolge ein "effizienter Verbreiter" für das Virus.

Ob die beiden Mutationen die Variante tatsächlich gefährlicher machen, ist noch nicht abschließend geklärt. Wissenschaftern zufolge sind weitere Daten nötig, um B.1.617 als gefährliche Variante einzustufen.

Rasanter Corona-Anstieg in Indien

Nach Angaben des Direktors des Zentrums für Zell- und Molekularbiologie in Hyderabad, Rakesh Mishra, hat sich die indische Mutation bisher erfolgreicher verbreitet als andere Virus-Varianten. "Langsam wird sie sich durchsetzen und die anderen Varianten verdrängen", sagte er.

Das muss jedoch nicht heißen, dass die dramatische Corona-Lage in Indien allein auf die Mutation zurückzuführen ist. Schuld daran könnte ebenso die Unbekümmertheit sein, mit der Indiens Zentralregierung und die Behörden der Bundesstaaten der Pandemie in den vergangenen Monaten begegneten.

Als die Fälle im Oktober und November 2020 zu sinken begannen, lockerte die Regierung ihre Maßnahmen deutlich, es gab zahlreiche Großveranstaltungen, bei der sich die Menschen ohne Schutzmasken drängten.

Wie gut wirken Impfungen gegen die indische Mutation?

Die indische Mutation E484Q ist verwandt mit der britischen, südafrikanischen und brasilianischen Mutation E484K. Diese steht im Verdacht, den Schutz durch die Antikörper zu verringern, die ein Mensch nach einer vorangegangenen Erkrankung oder Impfung gegen das Corona-Virus aufgebaut hat, wie der Evolutionsvirologe Stephen Goldstein von der Universität Utah erklärt.

Nach Angaben des indischen Experten Mishra wird die Wirksamkeit von Impfstoffen gegen die indische Mutation derzeit getestet. Experten sind der Meinung, dass eine Impfung in jedem Fall einen gewissen Schutz bietet, insbesondere vor einem schweren Verlauf der Krankheit.

(APA/red)

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