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Musiktheater-Jahr 2010: Führungswechsel an der Staatsoper

Nicht wenige heimische Opernfans dürften das Jahr 2010 mit größerer Spannung erwartet haben, als viele zuvor. 19 zum Beispiel. So lange war der letzte Antritt einer neuen Direktion an der Wiener Staatsoper her. Die Ablöse von Langzeit-Chef Ioan Holender durch Dominique Meyer und Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst dominierte das Opernjahr 2010.
"Parsifal" beendet Staatsopern-Ära von Holender
Abschiedsgala für Ioan Holender in der Staatsoper
Ioan Holender ging mit "Parsifal"
Meyer wird Direktor der Wiener Staatsoper

Und speziell nach den jüngst vor allem musikalisch heftig kritisierten Neuproduktionen bzw. Auffrischungen der Repertoire-Kernstücke “Don Giovanni” und “Der Rosenkavalier” dürften die kommenden Monate von den Opernfreunden mit Argusaugen verfolgt werden.

Holender hatte seine Staatsopern-Direktion nicht nur mit einem wahren Starreigen zur Abschlussgala, sondern auch mit einer viel beachteten Uraufführung beendet: Aribert Reimanns Auftragswerk “Medea” erntete in der Inszenierung von Marco Arturo Marelli nicht nur Jubel des Wiener Publikums, sondern wurde in der Kritikerumfrage der Zeitschrift “Opernwelt” auch zur Uraufführung des Jahres gewählt. Auch die zweite Uraufführung glückte: Mit der Kinderoper “Pünktchen und Anton” von Ivan Eröd nahm Holender gar selbst auf der Bühne Abschied.

Der letzten Premiere seiner Ära, dem “Tannhäuser” in der Inszenierung Claus Guths, war weit weniger Zustimmung vergönnt – was das neue Führungsduo Meyer und Welser-Möst freilich nicht daran hinderte, mit dem Stück in eine neue Ära zu starten. Ihr Auftakt gelang glanzvoll: Die “Boheme” wurde aufgefrischt, die erste Premiere, “Cardillac” von Paul Hindemith unter der Regie von Sven-Eric Bechtolf bejubelt, bei Händels “Alcina” erstmals und erfolgreich ein Barockorchester (die Musiciens du Louvre) an die Stelle des Staatsopernorchesters gesetzt.

Dass der Glücksfaden ausgerechnet bei “Don Giovanni” als erster Station eines neuen Mozart-Zyklus gerissen ist, weist zwiespältig ins Jahr 2011. Denn Jean-Louis Martinoty, dessen konventionelle Regie durchfiel, wird auch den “Figaro” (die Inszenierung wird ab 16. Februar aus Paris übernommen) sowie in zwei Jahren die “Cosi” verantworten. Dafür hat das Haus am Ring ab 2. April einen sicheren Publikumsschlager im Programm: Erstmals wird Donizettis “Anna Bolena” hier zu sehen sein – und das gleich mit dem Traum-Damenduo Anna Netrebko und Elina Garanca.

Auch im Theater an der Wien endete 2010 mit einer Enttäuschung: Zwar erntete Placido Domingo als Pablo Neruda in Daniel Catans “Il Postino” viel Jubel (und konnte zum Abschluss der Spielserie seine 3.500ste Opern-Vorstellung feiern), den Abend konnte er vor scharfer Kritik an süßlichem Kitsch in Musik wie Szene allerdings nicht retten. In seinem umfangreichen Premieren-Reigen erlebte das nicht mehr ganz “Neue Opernhaus” 2010 aber auch viel Zustimmung: So überzeugten vor allem die Damen “Poppea”, “Iphigenie”, “Ariadne” und “Semele” alias Cecilia Bartoli das Publikum. Weniger sicher im Sattel saß Oscar-Gewinner Stefan Ruzowitzky bei seinem Opernregie-Debüt mit dem “Freischütz” – und auch die Strauß’sche Fledermaus wollte zur unüblichen Sommerjahreszeit nicht so recht auf Flughöhe kommen.

Mit dem neuen Jahr beginnt im Theater an der Wien eine als Serie geplante “französische Barockwelle” mit Jean Philipp Rameaus “Castor et Pollux” (20.1.). Barock gibt es im Frühjahr auch wieder mit Händel, für dessen “Rodelinda” (20.3.) Nikolaus und Sohn Philipp Harnoncourt als Musik- und Regiegespann zusammenarbeiten. Und noch bevor im Rahmen des “Osterklang” die “Carmelites” aus 2008 wieder aufgenommen werden, steht Angelika Kirchschlager nach ihrer eindrucksvollen Performance in Bertolt Brecht und Kurt Weills “Sieben Todsünden” mit Brittens “Rape of Lucretia” (17.2.) auf der Bühne des Opernhauses.

Nonnen statt Vampire, Verdi statt “Lulu”

Ausgiebig und bunt gefeiert wurde heuer wie üblich in der Volksoper. Grell ging es nicht nur in der noch winterlich aufgeführten “Blume von Hawaii” zu, auch “die Liebe zu den drei Orangen” teilte das Publikum gerne. Mehr weiß als farbig, aber nicht minder beliebt Mozarts “Entführung aus dem Serail” und furios gefeiert die Kuppelshow “Hello Dolly” nach der Sommerpause. Nicht ganz so lustig waren jüngst die “Lustigen Weiber von Windsor”, eine neue Chance gibt es zu Saisonschluss 2011 aber mit der “Lustigen Witwe” (ab 19.5.). Für die Fans des Volksopern-Direktors kommt schon am 26. Februar ein Highlight: Robert Meyer inszeniert mit dem Puccini-Einakterabend “Der Mantel”/”Gianni Schicchi” erstmals Oper.

In der Wiener Musicalwelt hat man 2010 ganz auf Dauerbrenner gesetzt: Schon seit März werden die Schlager von Udo Jürgens in “Ich war noch niemals in New York” rauf und runter gespielt, im Ronacher tanzten das ganze Jahr über die Vampire. Im Jänner pausieren sie einige Tage (ab 5.1.), wenn Hollywood-Star John Malkovich als Casanova in den “Giacomo Variations” zu Musik aus den drei Da-Ponte-Opern Mozarts auf der Bühne steht. Als Osterspecial ist eine konzertante Version von “Jesus Christ Superstar” geplant (ab 21.4.), kirchlich wird es auch im Herbst: Dann tanzen im Ronacher statt der Vampire die Nonnen in “Sister Act”.

Die Festspiel-Zeit sieht für Opernfreunde durchaus rosig aus: Bei den Wiener Festwochen wird mit Beat Furrers “Wüstenbuch”, Xenakis’ “Oresteia” und Verdis “Rigoletto” ein abwechslungsreiches Musiktheaterprogramm versprochen, Markus Hinterhäuser bestreitet in Salzburg mit “Hörtheater” sein singuläres Intendanten-Jahr, das “Macbeth” nicht nur von Verdi sondern auch von Salvatore Sciarrino im Gepäck hat, ehe Alexander Pereira übernimmt. 2010 hatte Wolfgang Rihm mit der Uraufführung seines “Dionysos” in Salzburg einen Jubel-Maßstab vorgelegt, den zeitgenössische Oper erst einmal erreichen muss, während in Bregenz der polnische Komponist Mieczyslaw Weinberg erfolgreich wiederentdeckt wurde. Am Bodensee bringt man 2011 “Andre Chenier” auf die Seebühne und ändert bei den Hausopern in den kommenden drei Jahren den Kurs von den Raritäten auf Uraufführungen. Gestartet wird mit “Achterbahn” von Judith Weir. Ob Intendant David Pountney die Bregenzer Festspiele auf über 2013 hinaus leiten wird, soll sich im Frühjahr entscheiden.

Quer durch Österreich prägte 2010 aber auch Alban Bergs “Lulu” das Operngeschehen und wurde nicht nur bei den Wiener Festwochen und den Salzburger Festspielen sondern auch in der Grazer Oper gezeigt. In Linz, wo es im Herbst Jubel für Delibes’ “Lakme” gab, sind dagegen die kommenden zwei Jahre vor allem die Bauarbeiter gefordert: Das neue Musiktheater wurde im November zur Dachgleichenfeier erstmals provisorisch bespielt. Im April 2013 soll mit einer Oper von Philip Glass nach dem Peter-Handke-Stück “Spuren der Verirrten” offiziell die schöne, neue Opernzukunft begonnen werden.

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