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Missverständnisse nach Maier-Sturz

Hermann Maier, der nach einem Sturz das Abfahrtstraining im Renntempo wieder aufnahm, der nachfolgende Peter Fill, der nicht abgewunken wurde, und Pistenkommandos zwischen den beiden Läufern auf der Strecke - diese explosive Mischung ist am Donnerstag auf der "Face Olympique Bellevard" dem Südtiroler Skirennläufer beinahe zum Verhängnis geworden.

Passiert ist zum Glück nichts. Die Verantwortlichkeiten sind aber noch nicht ganz geklärt, eine Juryentscheidung ist ausständig.

Im zweiten Training am Donnerstag für die Weltcup-Abfahrt der Herren am Samstag in Val d’Isere war der Salzburger Maier oberhalb der Passage de l’Ancolie zu Sturz gekommen. Der Flachauer hatte bei einem Schwungansatz einen Ski verloren (“Die Bindung ist aufgegangen und der Ski war dahin”), rutschte zu Boden, blieb unverletzt, schnallte den Ski wieder an und nahm nach dieser rund 50 Sekunden dauernden Pause die Fahrt im Renntempo wieder auf.

Nachdem Maier die vom Ziel gut einsehbare letzte Kuppe genommen hatte, rutschen drei Arbeiter auf die Piste, wie dies nach einem Rennläufer vorgesehen ist. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt schon Fill im Anrauschen und gefährlich nahe, denn der Südtiroler war trotz des Maier-Sturzes nicht abgewunken worden. Dank Zurufen von der Seite fuhren die drei Pistenrutscher gerade noch rechtzeitig aus der Ideallinie und Fill passierte die Gefahrenstelle.

Schuldzuweisung gab es von Fill keine, der Schrecken stand ihm aber ins Gesicht geschrieben. “Das kann passieren, soll aber nicht passieren, wenn ich zwei Sekunden schneller dran bin, kracht es”, sagte er. Das Startintervall betrug nur 1:15 Minuten, Maier hatte im Ziel 53 Sekunden Rückstand – da blieb nicht viel Zeit zwischen ihm und Fill. Der Südtiroler hatte deshalb auch nicht ganz verstanden, dass der Österreicher nach dem Sturz weitergefahren war, dass er selbst nicht abgewunken wurde, oder dass die Rutscher auf der Piste waren. “Ich hoffe, das passiert mir nicht noch einmal, ich will beim Rennfahren nicht überlegen müssen, wer hinter einem Hügel ist.”

Maier sagte später, er hatte wegen der Geländebeschaffenheit keine andere Möglichkeit, von der Stelle wegzukommen. Im Ziel auf die Situation mit Fill angesprochen, reagierte er verwundert: Von all dem habe er (verständlicherweise) nichts mitbekommen. Laut FIS-Renndirektor Günter Hujara ist die Sachlage aber klar: “Ein gestürzter Fahrer darf nicht die Sicherheit der nachkommenden Fahrer gefährden. Wenn er als gestürzt gemeldet wird, darf er nicht wieder in die Piste zurück.” Mit dem Thema beschäftigte sich am Donnerstagnachmittag allerdings noch die Jury. Im Ergebnis scheint Maier als “disqualifiziert wegen Torfehlers” auf. Ihm droht eine Geldstrafe.

Ob das FIS-Reglement so eindeutig ist, ist allerdings fraglich, denn der Kitzbühel Rennleiter und FIS-TD Peter Obernauer, der Maiers Sturz mitverfolgte, hatte danach im Zielraum erklärt: “Maier hat richtig gehandelt. Und die Rutscher müssen auch aufpassen, wer welche Nummer hat.” Die Rutscher gehen immer unmittelbar nach einem Läufer auf die Strecke und haben sie normalerweise längst wieder verlassen, wenn der nächste kommt. In diesem Fall lagen zwischen den beiden Sportlern allerdings nur zwanzig Sekunden.

Der Zwischenfall am Donnerstag ist äußerst glimpflich ausgegangen, Zusammenstöße auf der Piste endeten im Rennsport in der Vergangenheit aber auch schon tödlich. Im Oktober 2001 starb die Französin Regine Cavagnoud nach einem Zusammenprall beim Abfahrts-Training mit einem deutschen Trainer im Pitztal. Im Jänner 2006 kam es in St. Moritz zur Beinahe-Tragödie, Michaela Dorfmeister vermied einen Zusammenstoß mit einem Pistenarbeiter, der einen Funkspruch missverstanden hatte. Im Februar 1996 raste beim WM-Abfahrtstraining in der Sierra Nevada die Russin Tatjana Lebedewa beim letzten Sprung in einen FIS-Funktionär, beide wurden schwer verletzt. Ursache war auch hier ein Missverständnis.

Hermann Maier hat sich am Donnerstagabend mit einem überraschenden Auftritt zu Beginn der Mannschaftsführersitzung für sein Verhalten entschuldigt und dafür großen Applaus von den anwesenden Teamchefs, FIS-Mitgliedern etc. erhalten: “Es tut mir sehr leid. Ich möchte mich für den heutigen Vorfall entschuldigen. Speziell bei Peter Fill, der der leidtragende Athlet war, und bei den drei Pistenrutschern, die mit einem großen Schreck davon gekommen sind”, sagte der vierfache Gesamtweltcupsieger und fügte hinzu: “Ich bin sehr froh, dass bei diesem menschlichen Fehler nichts passiert ist.”

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