"Milchkühe gehen nicht in Kurzarbeit": Molkereien fordern Corona-Hilfen

Die Molkereien fordern maßgeschneiderte Corona-Hilfen.
Die Molkereien fordern maßgeschneiderte Corona-Hilfen. ©pixabay.com (Sujet)
Die heimischen Molkereien sind auf eine ganz eigene Weise von der Krise betroffen: Einerseits haben sie riesige Einbrüche wegen des Lockdowns in Gastronomie und Hotellerie, andererseits werden deutlich mehr Milchprodukte in Supermärkten abgesetzt und der Export brummt.

In diesem Spannungsfeld fordert der Molkereiverband VÖM auch für seine Branche Coronahilfen, die es bisher noch nicht gibt.

"Milchkühe gehen nicht in Kurzarbeit. Sie produzieren weiter Milch. Wir sind keine Brauereien, die weniger Bier brauen können", so VÖM-Chef Helmut Petschar am Donnerstag bei einem digitalen Pressegespräch. Aufgrund von Abnahmeverträgen nehmen die Molkereien den Bauern die Milch ab. Einige Molkereien haben aber mit Mengesteuerungsmodellen reagiert, so Petschar. Auch die Produktion wurde teilweise auf länger haltbare Milchprodukte umgestellt. Milch wurde jedenfalls nie weggeschüttet. Vor allem in Vorarlberg, Tirol, Salzburg und Kärnten falle der Ausfall des Tourismus besonders ins Gewicht.

Molkereien wollen Corona-Hilfen für Verluste bei Deckungsbeiträgen

Die Gesamtanlieferung blieb mit 3,38 Millionen Tonnen insgesamt stabil, wobei zu Beginn des Jahres eine höhere und in der zweiten Jahreshälfte eine geringere Anlieferung zu verzeichnen war. Der Anteil von Bio- und Heumilch stieg auf 19,1 Prozent bzw. 600.000 t. Das ist der höchste Bioanteil in der EU. "In Deutschland liegt er bei drei Prozent", sagte Petschar.

Die Umsätze der heimischen Milchverarbeiter sind 2020 um 3,2 Prozent auf 2,95 Mrd. Euro gestiegen. Die Zuwächse stammen von Lieferungen im Lebensmitteleinzelhandel im In- und Ausland. Bei Lieferungen an Gastronomie und Tourismus gab es deutliche Umsatzeinbußen. Hier gibt es Verluste bei den Deckungsbeiträgen, für die die Molkereien Coronahilfen verlangen und mit dem Landwirtschafts- und Finanzministerium verhandeln.

Direkte und indirekte Ausfälle durch Tourismus-Lockdown

"Wir hoffen, dass es wenigstens heuer eine Hilfe für uns gibt", sagte Petschar. Die direkten und indirekten Ausfälle wegen des Tourismuslockdowns betragen laut VÖM-Präsident 60 bis 80 Prozent. In Geld heißt das laut Petschar, dass den Molkereien direkt 81,6 Mio. Euro entgangen sind. Hier brauche es eine Hilfe, die jener für die Schweinebranche ähnlich sein könne und die sich nicht auf Umsatzausfälle sondern auf die Deckungsbeiträge bezieht. Der Gesamtumsatz ist aber gestiegen, weil mehr Butter (plus 15 Prozent), Käse (plus 10 Prozent) und andere Milchprodukte für die Küche (Creme Fraiche, Sauerrahm) verkauft wurden, zum Teil um 30, 40 Prozent mehr, so Petschar.

Die Ertragslage der Molkereien sei nach wie vor sehr knapp, zumal die Corona bedingten Schutz- und organisatorischen Maßnahmen zusätzliche Kosten verursachten. Das Ergebnis vor Steuern der Milchverarbeiter bezogen auf den Umsatz ergab 2020 einen Wert von 1,4 Prozent.

Exportgeschäft boomt

Besonders wichtig ist der Export. Dieser nahm nochmals um 4,5 Prozent zu. Laut vorläufigen Zahlen der Statistik Austria gab es mit 1,31 Mrd. Euro einen neuen Höchstwert. Bei den Importen gab es mit 1,2 Prozent auf 836,3 Mio. einen geringeren Zuwachs. Somit verbesserte sich der Außenhandelssaldo auf 475,4 Mio. Euro (+10,7 Prozent) führte. Die Exportquote bezogen auf den Umsatz betrug 44,5 Prozent, die Importquote 28,4 Prozent. Wichtigstes Außenhandelsprodukt war und ist die Kategorie Käse. Hier wurden 155.900 Tonnen (+ 1,8 Prozent) im Wert von 666 Mio. Euro (+ 3,7 Prozent) exportiert. Mehr als die Hälfte aller Milchproduktexporte geht nach Deutschland (50,4 Prozent).

Nachdem die Erzeugerpreise 2020 in Österreich auf schwachem Niveau gestartet sind, kam es ab Sommer zu spürbaren Stabilisierungen. Damit konnten die qualitätsbedingten Unterschiede auch dargestellt werden. Aktuell wirkt sich der Ausfall der Wintersaison negativ auf die Preisentwicklung aus. Die Erzeugermilchpreise lagen mit einem durchschnittlichem Auszahlungswert von 42,65 Cent (2019: 41,82 Cent) für Milch mit natürlichen Inhaltsstoffen inklusive Umsatzsteuer über dem Vorjahresniveau. Für gentechnikfreie Qualitätsmilch wurden durchschnittlich 34,26 Cent/kg erzielt (2019: 33,66 Cent für Milch mit 4,0 Prozent Fett, 3,4 Prozent Eiweiß, ohne USt.).

Weiter unsichere Zeiten für Milchwirtschaft

Zum Ausblick hieß es von Petschar, dass das heurige Milchwirtschaftsjahr weiter von der Coronapandemie geprägt und somit in einem unsicheren Zustand bleiben werde. Entscheidend sei vor allem die Entwicklung im Tourismus und in der Gastronomie. "Für die österreichische Milchwirtschaft bleibt neben den globalen Einflüssen vor allem die weitere Entwicklung in Österreich maßgebend, inwieweit es gelingt die Qualitätsstrategie erfolgreich umzusetzen, ob eine faire Abgeltung der erhöhten Aufwendungen und damit die künftige, sichere Versorgung mit hochqualitativen Lebensmitteln, verbunden mit all den zusätzlichen Leistungen der Milchwirtschaft, gelingt", so der VÖM-Präsident. Er forderte auch eine Herkunftskennzeichnung für Milch und Milchprodukte in verarbeiteten Lebensmitteln - auch in der Gastronomie.

(APA/Red)

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