Memoria - Kritik und Trailer zum Film

"Slow Cinema" nennt man, was der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul macht. Für seinen neuen Film "Memoria" mit Tilda Swinton in der Hauptrolle bedeutet das: Die Handlung des Filmes ist nicht so wichtig. Es gibt lange, statische Filmeinstellungen, die Atmosphären und Geräuschkulissen lebendig machen. Und eine starke Hauptdarstellerin, deren Regungen wir in aller Langsamkeit verfolgen können. Swinton spielt Jessica, die eines Tages von einem dumpfen Knall aufgeschreckt wird. Immer wieder hört sie nun dieses bedrohliche Geräusch, das außer ihr niemand wahrzunehmen scheint. Sie versucht, dem Ursprung dieses Geräuschs auf die Spur zu kommen.

Wie klingt eine Erinnerung? "Memoria", eine mehr als zweistündige Klanglandschaft des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul, handelt von einer Frau, gespielt von Tilda Swinton, die nach dem Ursprung eines explosiven Klangs in ihrem Kopf sucht. Der Urknall, der sie verfolgt, hallt noch lange nach dem Abspann im Kopf des Betrachters wider. Am Freitag kommt das Werk nun in die heimischen Kinos.

Memoria - Kurzinhalt zum Film

Apichatpong Weerasethakul, wohl vor allem bekannt für sein preisgekröntes Drama "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben" (2010), liefert mit "Memoria" ein rätselhaftes und kontemplatives Werk, das in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Der in Kolumbien angesiedelte Film, der erste des Künstlers, den er außerhalb seiner Heimat Thailand gedreht hat, versucht sich vorzustellen, wie eine Erinnerung klingt. Und er findet in der schottischen Schauspielerin Tilda Swinton die perfekte Mitverschwörerin für seinen fast überirdischen Stil.

"Memoria" beginnt fast wie ein Horrorfilm mit einem Jump-Scare. Jessica (Swinton) wacht auf, als ein drohender Donnerschlag sie mitten in einer pechschwarzen Nacht aus ihrem Schlaf reißt. Der Klang ist stumpf, aber niederschmetternd und sie weiß nicht woher er kommt. Außer ihr - und dem Betrachter - scheint niemand den Knall gehört zu haben. Verliert sie den Verstand?

"Es ist, als würde ein großer Stein in einen Brunnen fallen, umgeben von einem Meer - und explodieren", versucht sie einem Toningenieur namens Hernán (Juan Pablo Urrego) zu erklären. Er hat ihr angeboten, bei der Rekonstruktion ihres "Sounds" zu helfen. Das Geräusch ist tief und metallisch, sagt sie, "als ob es aus dem Inneren der Erde" entsprungen wäre. Mit ein wenig Bass und etwas Hall erzeugt er die richtige Dichte, an die sie sich erinnert und je näher er dem Geräusch kommt, desto mehr spannen sich ihre Schultern an, als würde der Klang in ihren Knochen sitzen.

Genauso ungewöhnlich wie das Geräusch, das Jessica hört, sind die Menschen, denen sie in Kolumbien begegnet. Eine Ärztin diagnostiziert bei ihr Halluzinationen und weigert sich, ihr Beruhigungspillen zu verschreiben. Vielleicht lieber bei Jesus Trost suchen? Oder in einem Gemälde von Salvador Dalí, das in der Lobby des Gebäudes hängt? Jessicas Schwester (Agnes Brekke), die in Bogotá im Krankenhaus liegt, erinnert sich nicht an ihre Besuche. Eine Archäologin (Jeanne Balibar) zeigt ihr das 6.000 Jahre alte Skelett eines kleinen Mädchens mit einem Loch im Schädel, das wohl jemand gebohrt hat, um "die bösen Geister" rauszulassen. Immer noch auf der Suche nach ihrem Sound, trifft Jessica dann im Dschungel einen anderen Hernán (Elkin Díaz), einen älteren Fischer, der behauptet, sich an alles zu erinnern, sogar an Dinge vor seiner Geburt.

Memoria - Die Kritik

Weerasethakuls packt viel in seinen Film, einschließlich persönlicher und kolumbianischer Traumata. Das Rasseln des Windes zwischen den Blättern scheint eine eigene Sprache zu haben. Bei einer Pressekonferenz beim New York Film Festival sagte Tilda Swinton, dass alles, von den zwitschernden Vögeln bis hin zum prasselnden Regen, eine Figur im Film sei. Andere solchen Figuren sind Autoalarmanlagen, schreiende Brüllaffen, Fischschuppen und plätschernde Bäche.

Tilda Swintons suchendes Gesicht und ihr schlaftrunkener Gang geben ihr den Anschein eines ruhelosen Geistes, was passend ist, wenn man bedenkt, dass die Frau eine unglaubliche überirdische Präsenz hat. In einer Szene sehen wir sie in einer Kunstgalerie stumm auf Gemälde dunkler Geisterfiguren mit leuchtend weißen Augen starrt, die ein bisschen wie sie selbst aussehen - und nicht ganz unähnlich den Geistern in "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben" sind.

Das Geräusch, das im Laufe des Films immer und immer wiederholt wird, hat der Regisseur selbst erlebt. Vor Jahren wurde bei ihm das "Exploding Head Syndrom" diagnostiziert. Darunter versteht man die Wahrnehmung eines kurzen, explosiven Geräusches im Kopf während des Einschlafens oder Aufwachens. Und es hat ihn dazu inspiriert, diesen wunderbaren Tonfilm zu machen. In einer Szene legt sich ein Mann ins Grab und schläft ein, aber mit weit geöffneten Augen. Genau so fühlt man sich wenn man "Memoria" betrachtet - beziehungsweise hört.

(APA/Red)

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