Mädchen von "Schamanen" missbraucht?

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Schamanismus: Ein Mädchen soll drei Jahre hintereinander auf dem alljährlichen „Sommerfest“ einer sektenähnlichen Wohngemeinschaft von einem 35-jährigen "Schamanen" missbraucht worden sein. Aber: Freispruch im Zweifel.

Von einem Mann, der gemeinsam mit seiner Mutter in Wien-Penzing „diverse pseudoreligiöse Rituale mit sexuellem Inhalt organisiert, die sie selbst als afro-kubanischen Schamanismus bezeichnen“, wie es in der Anklageschrift hieß.

Der Mann bezeichnete sich vor Gericht als kaufmännischer Angestellter. Er betreibe eine „esoterische Beratung“. In seinem Haus sollen laut Anklage an die zehn Personen gelebt und immer wieder schamanistische Rituale abgehalten haben. Dazu zählte auch eine 43-jährige Krankenschwester, die ab dem Jahr 2000 ihre kleine Nichte auf die „Sommerfeste“ mitnahm.

Diese soll dabei albtraumartige Erlebnisse über sich ergehen haben lassen müssen. Laut Anklage wurde sie in einen Nebenraum geführt, vom „Schamanen“ entkleidet und abgetastet bzw. zur Duldung von Sex-Spielen gezwungen.

Halluzination oder Verbrechen?

Seine Verteidigerin Elisabeth Rech wies diese Anschuldigungen zurück: Die Anklage beruhe nicht auf tatsächlich Erlebtem, sondern auf „Therapieritualen, Halluzinationen, Träumen“.

Der „Schamane“ und die Krankenschwester wurden nach einem ausführlichen Beweisverfahren im Zweifel freigesprochen. Ausschlaggebend war laut Richterin Sonja Höpler-Salat das psychiatrische Gutachten über das Mädchen.

„Das war ein deutliches Statement, dass die Aussagetüchtigkeit des Mädchens generell eingeschränkt ist. Es besteht die Schwierigkeit, die Grenze zwischen Realität und Fantasie zu ziehen“, sagte die Richterin in der Urteilsbegründung, bei der die Öffentlichkeit wieder zugelassen war.

Die Freisprüche sind nicht rechtskräftig, die Staatsanwältin gab vorerst keine Erklärung ab.

Phantasie oder Gewalt?

Das Mädchen war zehn Jahre alt, als es erstmals die Tante auf das „Sommerfest“ begleitete. Laut Anklage wurde sie im Verlauf der obskuren Zeremonie in ein Nebenzimmer geführt, wo der „Schamane“ sie teilweise entkleidet und insofern zur Duldung intensiven Abtastens gezwungen haben soll, indem er dem sich sträubenden Mädchen eine kräftige Ohrfeige versetzte. Die Zehnjährige soll dabei sogar das Bewusstsein verloren haben.

In den folgenden beiden Jahren musste sie wieder mitfeiern. Die Tante soll ihr jeweils angekündigt haben, sie erwarte diesmal „eine Überraschung“. Wieder wurde das Mädchen nach nebenan gebracht, wo der „Schamane“ von ihr verlangte, sich auszuziehen. Er legte sich dann ebenfalls nackt zu ihr und soll der Anklageschrift zufolge Sex-Spiele vorgenommen haben.

Zusammenbruch am Klassenausflug

Die angeblichen Übergriffe, die sowohl vom „Schamanen“ als der mitangeklagten Tante des Mädchens bestritten werden, kamen ans Tageslicht, als die Schülerin bei einem Klassenausflug nach Venedig einen Zusammenbruch erlitt. Sie berichtete anschließend im Spital von den Erlebnissen in dem Haus in Wien-Penzing.

Einem Gutachten der Kinderpsychiaterin Angelika Göttling zufolge leidet die mittlerweile 16-Jährige bis heute an einer schweren seelischen Störung. Sie weist unter anderem ein posttraumatisches Belastungssyndrom auf. Um ihr nicht weiter zu schaden, wurde die Öffentlichkeit nach dem Vortrag der Anklage und den Repliken der Verteidiger ausgeschlossen.

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