Literaturnobelpreis: Bob Dylan als Favorit

Es ist schon ein bisschen wie auf der Galoppbahn: Beim Zieleinlauf zum Literaturnobelpreis verfolgt das Publikum immer gebannter die Führenden: 2011 ein höchst überraschendes Paar aus dem syrisch-libanesischen Lyriker Adonis (81) und dem amerikanischen Rockpoeten Bob Dylan (70).

Dem Schöpfer von “Like A Rolling Stone” dicht auf den Fersen: der Schwede Tomas Tranströmer (80) und der Japaner Haruki Murakami (62). Sie sind mit dem israelischen Autor Amos Oz (72) als sogenannte Darkhorses im Hauptfeld.

Anders als beim Pferderennen wird beim Literaturnobelpreis am Donnerstag (gegen 13.00 Uhr MESZ) in der Zielgeraden vor allem auf die Wetteinsätze geschaut. Die Zocker beim Wettbüro Ladbrokes haben in den letzten Jahren mehrfach genau richtig gelegen, so 2006 beim türkischen Autor Orhan Pamuk (59), 2008 beim Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clezio (71) und auch 2009 bei der Berlinerin Herta Müller (58).

Bob Dylan bei Zockern an der Spitze

So wird in Stockholm schon aufgehorcht, wenn der seit Jahren als Außenseiter gehandelte Dylan bei den Zockern 24 Stunden vor der Bekanntgabe an der Spitze hinter dem jahrzehntelangen Dauerfavoriten Adonis steht. Der schwedische Verleger Svante Weyler aber winkt ab: “Dylan ist doch nur eine Schnapsidee. Und Adonis war einfach viel zu lange Favorit.” Der Stockholmer glaubt, dass die Schwedische Akademie “mal wieder für eine komplette Überraschung sorgen wird”.

So wie zuletzt vor elf Jahren mit dem in Paris lebenden Exil-Chinesen Gao Xingjian (71) oder 1988 mit dem damals in Europa komplett unbekannten Ägypter Nagib Mahfus (1911-2006). Für Weylers “Modell” spricht auch, dass im letzten Jahr mit dem Peruaner Mario Vargas Llosa (75) bereits schon einer der ewigen Favoriten ausgezeichnet worden ist.

Der Akademie-Sekretär Peter Englund hat in Interviews jüngst mehrfach erklärt, die Weltsicht der eigenen Jury sei vielleicht in der Vergangenheit ein bisschen zu “eurozentristisch” gewesen. Das lässt alle aufhorchen, die meinen, dass nun endlich mal die erste Garde der großen nordamerikanischen Romanciers von Philip Roth (78) über Thomas Pynchon (74), Joyce Carol Oates (73) bis Cormac McCarthy (78) oder Don DeLillo (74) sozusagen dran ist.

Englund zeigte in einem Online-Interview der Londoner Zeitung “Guardian”, dass ihm die Zockerlogik nicht fremd ist. Auf die Frage, ob Roth “den Preis jemals bekommen kann”, sagte er: “Wenn ich doch nur jedes Mal einen Dollar bekommen würde, wenn mir diese Frage gestellt wird!” Und dann ernsthaft: “Haben die USA nobelpreiswürdige Autoren? Aber natürlich!” Schwer zu deuten, ob das nun für Roth oder eher für Dylan spricht. Oder vielleicht gegen beide?

  • VIENNA.AT
  • Kultur
  • Literaturnobelpreis: Bob Dylan als Favorit
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen