Lambchop & Calexico im Doppel: "Satisfaction" im Wiener Gasometer

Lambchop und Calexico als Doppel-Headliner in der Stadt, das allein ist ein guter Grund für einen Konzertbesuch. Wenn die beiden Gruppen dann noch hinreißende Darbietungen abliefern, wie am Dienstagabend in Wien, erst recht.

Aber was dem Gastspiel der befreundeten Formationen im Gasometer das Prädikat “muss man erlebt haben” verlieh, war die gemeinsame Interpretation von “Satisfaction”. Die Stones-Nummer holperte zwar vor sich hin, aber sie hat wohl jedem im nicht ganz ausverkauften Saal Spaß gemacht. Allen voran Lambchop-Sänger Kurt Wagner, der zum zappelnden Rocker mutierte.

Dabei hatte Wagner, der Mann mit der tiefen Stimme und mit obligater Schirmkappe und Hornbrille, den Auftritt seiner Band durchgehend sitzend verbracht. Begleitet von sechs Musikern folgte gleich zu Beginn ein Höhepunkt auf den anderen: “Ohio” von der großartigen aktuellen Platte “OH (ohio)” (Universal), zu reihen unter die atmosphärisch dichtesten und besten Alben des Jahres, machte den Anfang, gefolgt von dem ergreifend schönen “Slipped Dissolved And Loosed” von der gleichen Scheibe. Das Ensemble spielte zart, Wagner verzauberte mit seinem Gesang. Und dann: eine erstklassige Version von Bob Dylans “You’re A Big Girl Now”, eingebettet im Lambchop-Sound, ohne dass die Dylan’sche Quintessenz abhandenkam. Eleganter kann man Trennungsschmerz nicht besingen.

Lange war Lambchop ein Projekt mit wechselnden Zusammensetzungen, die jeweiligen Schaffensphasen verbunden durch Wagner, den Chef, der sich konsequent weigerte, Frontman zu sein. Einordnen sollte man das Ensemble aus Nashville lieber nicht, denn weder Americana noch Indie-Country wollen so recht passen – und doch ist beides nicht ganz falsch. Lambchop haben so wie Calexico einen unverwechselbaren Klang, gespeist von vielen Einflüssen, aber absolut eigenständig. In Wien wirkte Lambchop wie eine Band aus einem Guss, in der die Mitglieder perfekt harmonieren. Völlig natürlich bewegte man sich von schlafwandlerischen Kompositionen zum Gospel, von zärtlichen Balladen zum – ja, zumindest ansatzweise – rockigen Beitrag.

Nach einer derart dichten, in sich geschlossenen Performance einem weiteren Act die nötige Aufmerksamkeit zu schenken, fällt prinzipiell schwer. Da bedurfte es eines Kalibers wie Calexico, um noch einmal voll einzutauchen in eine weitere gediegene Darbietung, die aber nicht ganz die Klasse des Open Airs von 2005 in Wien erreichte. Doch selbst wenn die Songzusammenstellung diesmal einen etwas zerfahrenen Eindruck machte, so begeisterten die Südstaatler mit einem breiten Spektrum von Mariachi über Akustik bis zur ausufernden Soundwand aus Bläsern, Drums und Slide-Gitarren. “Bisbee Blue” vom Album “Garden Run” gab es zur Einstimmung, erstmals Gänsehaut lieferte “Convict Pool” vom gleichnamigen Longplayer.

Der Wüstenwind war fast zu spüren, die Lust zum Tanzen gegeben, statt Würsteln hätte Tex-Mex an der Bar angeboten werden sollen. Ausgezeichnet fügten sich Stücke vom neuen Opus “Carried To Dust” (Universal) – wie “Inspiracion”, gesungen vom Trompeter, und “Slowness” – zwischen die Klassiker. Nach etwas durchsetzten Produktionen sind die Herrschaften aus Tuscon (US-Bundesstaat Arizona) im Studio zurück zur alten Form gelangt. Live funktionierte die auf Platte so geniale Bandbreite – von Folk über Westernrock bis zur spanischen Folklore – dank der Klasse der Musiker prinzipiell recht gut. Nur kann zu viel Ambition dem Gesamteindruck schaden, wenn die Performance nicht mehr geschlossen genug rüberkommt. Calexico sind an dem Problem haarscharf vorbeigeschrammt. Was mit “Satisfaction” gebührend gefeiert wurde.

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