"Kroatien" - Reise ins Land der "Luftinspektoren"

"Zagreb ist nicht Amsterdam". Diese Erkenntnis von Tomo Mirko Pavlovic kommt in seinem neuen Band "Kroatien" aus der Reihe "Lesereisen" weder besonders überraschend, noch ist sie zu leugnen.
Doch zeigt sie ihrer Simplizität zum Trotz, welch vielfältige und auch kritische Facetten der Autor in seinem neuen Band “Kroatien” aus der Reihe “Lesereisen” des Picus Verlages aufgreift. “Wer schwul ist”, schreibt der Autor nämlich, “muss einiges in Kauf nehmen, es heimlich tun. Oder auswandern.” Wobei es ganz so schlimm dann doch nicht sein dürfte. Immerhin gibt es in Zagreb bereits die erste Gay-Bar, wie in dem Buch nachzulesen ist. Diese ist aber so versteckt und nur Insidern bekannt, dass sie schwer zu finden ist.

Es gibt aber noch andere kleine Geheimnisse, die der 1971 in Stuttgart geborene Journalist und Autor, der im Lauf seines Lebens auch Luft-und Raumfahrtechnik, Politikwissenschaften und Germanistik studierte, in dem schmalen Band lüftet. Seine Routen entsprechen nicht immer dem gängigen, küstenbeladenen Kroatien-Bild. Er führt beispielsweise nach Gradec, die alte Oberstadt Zagrebs, die allabendlich in einem milden Schein aus zweihundertachtzehn Gaslaternen “kakanisch” illuminiert wird. Die alten Gaslampen gibt es nämlich seit 1863, als Zagreb noch zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte.

Pavlovic macht sich aber auch auf in die grün-bergige Umgebung Zagrebs, die Zagorje mit ihren alten Schlössern und Herrenhäusern, die selbst gerne mit ihrem Namen kokettiert, der auf Kroatisch so viel wie “Hinterberg” heißt. Die Selbstironie der “Hinterbergler”, die gerade diese Provinzialität ebenso geschickt wie dezent zu vermarkten versuchen, wird insofern einfühlsam vermittelt, weil – wie in allen Kapiteln – den Menschen der Region breiter Raum gegeben wird.

Damit gelingt es dem Sohn einer Kroatin und eines Serben, der in Süddeutschland aufgewachsen ist, dem Leser die Unterschiede zwischen dem mediterranen Lebensgefühl an der dalmatinischen Küste und dem eher eingeigelten Lebensstil im Landesinneren glaubhaft vor Augen zu führen. Zumal sich diese diversen Lebenswelten auch in den Charakteren ihrer Bewohner niederschlagen.

Für Schmunzeln, aber durchaus auch ernstzunehmende “Aha”-Erlebnisse sorgen dann ausführliche Exkurse wie jener über die deutschen Einsprengsel, die sich bis heute in der kroatischen Alltagssprache gehalten haben und die aus jener Zeit stammen, als die Amtssprache des Adels und der Verwaltung eben keine slawische war.

Neben Kleinoden wie “fajercag” (Feuerzeug) oder “cajt” (Zeit) gefallen vor allem Eigenkreationen wie der “luftinspektor”, der etwas verträumte Menschen beschreibt, die mit ihren Gedanken nur zu gerne den Boden der Realität verlassen und zumindest gedanklich in andere Sphären abgleiten. Ein Land, in dem solche Ausdrücke über Jahrzehnte erhalten bleiben, muss einfach Humor und Charme haben.

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