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Kris Kristofferson berührte im Konzerthaus

Am Mittwochabend brachte er das Kunststück zusammen, mit fragilen Songs, gewoben aus Folk, Country und Gospel, im ausverkauften Konzerthaus Hysterie zu entfachen.

Er selbst nahm die Heldenverehrung fast schon verschämt hin. Kristofferson ist nämlich vor allem ein Mensch, ausgestattet mit einer unfassbaren Portion Demut – vor der Musik, vor Gott und vor seinem Publikum.

Kris Kristofferson ist auch ein Mensch, der Fehler macht und das andauernd. Sein Gitarrenspiel ist eher ein Glücksspiel, vieles fließt nicht mehr automatisch in die Hände, wofür er zum Anhalten auch einen Notenständer auf der atmosphärisch ausgeleuchteten Bühne braucht. Alles knarrt und ächzt, einfachste Akkordwechsel werden zu Abenteuern, und hin und wieder nimmt er einfach die falsche Mundharmonika, um diese mitten im Spielen zu wechseln.

Kristofferson kann aber vor allem darüber lachen. Alles passiert nicht aus der Arroganz gegenüber dem Publikum, sondern weil er gerne noch hergibt – in diesem Fall knapp 30 Songs, inklusive drei Zugaben. Schon fast verschämt steht ein 70-jähriger Junge auf der Bühne, der es nicht fassen kann, wie ein zurückgekehrter Held gefeiert zu werden. Und man nimmt es ihm ab, wenn er sagt, nicht überall treffe er auf ein solches Publikum. „Ihr zaubert ein Lachen auf das Gesicht eines alten Mannes“, bedankt er sich für den Jubel, jedes Lied wird anstelle eines Schlussakkordes ein „Thank you“. Selbst bei Werken jüngeren Datums, jene vom Album „This Old Road“ etwa, kam der Dank überschwänglich.

Ein Held ist Kris Kristofferson nicht nur dann, wenn er Lieder wie „Help Me Make It Through The Night“ oder „Me And Bobby McGee“ ganz unaufgeregt bringt und schon vorne im Programm platziert. Sein Repertoire an Geschichten ist unerschöpflich: „The Best Of All Possible Worlds“, „Jody And The Kid“, „Loving Her Was Easier (Than Anything I’ll Ever Do Again)“ oder „Billy Dee“ etwa. Perfekt poliert hat das alles noch nie geklungen. Aber nun erinnert jeder Song an ein altes Fahrrad. Es quietscht, fährt nicht mehr gerade (er hat Mühe, das Tempo zu halten), aber es fährt besser als alles andere danach.

Dabei sind es nicht nur die Liebeslieder, die ins Mark gehen. Kristofferson ist nach wie vor ein politischer Mensch, der sich mit seinen Liedern gegen Ungerechtigkeit im allgemeinen und Krieg im besonderen stemmt, das ohne jegliche verklärte Romantik. Da geht es ganz konkret um Gandhi und die Kennedys wie bei „They Killed Him“. Bei „Nobody Wins“ meint er nur, es erinnere ihn an diverse Wahlen in seiner Heimat, den USA. „Don’t Let the Bastards Get You Down“ erklärt sich von selbst.

Die Stimme des 70-Jährigen ist fragil geworden, dafür umso tiefer, und sie weiß noch glaubwürdiger zu erzählen. Wenn Kristofferson ansetzt, um „The Silver Tongued Devil And I“ schon mehr zu rezitieren als zu singen, werden Gleichnisse wach. Kristofferson sieht sich selbst als Mensch, der mit etlichen Schwächen gesegnet ist. „Sunday Mornin’ Comin’ Down“ kommt zerbrechlich und wie eine Lebensbeichte. „To Beat the Devil“ wird hingegen zur ewigen Kampfansage eines Mannes, der sich als Schatten sichtlich wohl fühlt.

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