"Kraftwerk" inmitten der Erdbeerfelder

Kraftwerk bei der Arbeit
Kraftwerk bei der Arbeit
Electronic-Musik in allen Geschmacksrichtungen bei der fünften Ausgabe des Urban Art Forms Festivals im burgenländischen Wiesen - Zeitgemäße Musik in zeitgemäßer Umsetzung.

Urbane Musik inmitten der Erdbeerfelder: Das “Urban Art Forms”-Festival in Wiesen bringt keine Hitparaden-Popbands und keine angegrauten Rockveteranen als Hauptacts, sondern elektronische Musik, DJs und, in seiner noch bis Sonntag in die Morgenstunden andauernden fünften Ausgabe, u.a. die deutschen Elektronik-Pioniere Kraftwerk, Deichkind und Sven Väth auf die Bühne. Mit Visuals auf 1.200 Quadratmetern Projektionsfläche und allen Geschmacksrichtungen der elektronischen Musik gibt sich das “Urban Art Forms” als vielleicht das einzige heimische Festival, das zeitgemäße Musik in zeitgemäßer Umsetzung bietet. Und damit auch noch großen Erfolg hat.

Während man bei jenen Monokultur-Festivals, die ausschließlich auf die Kraft der krachenden E-Gitarre setzen, einen scheinbar durchaus gleichförmigen Menschenschlag antrifft (männlich, nackter Oberkörper, Bier in der Hand), haben die elektronischen Beats ganz offenbar eine egalitäre Tendenz: Hier trifft Ballermann auf Breakbeat, der Dorfdiscogeher auf den urbanen Umhängetaschenschlepper, Rastalocken auf Gelfrisur, Döner auf Tofu-Burger. Hier feiern Selbstdarsteller Marke Kunststudent neben Selbstdarstellern Marke solariumgebräunt, hier spiegelt sich die studentische Hornbrille in der auch zu später Nachtstunde getragenen Sonnenbrille.

Und beim heurigen “Urban Art Forms”-Festival traf am Freitag auch noch die Party-Mucke, bei der schon mal vor lauter Tanzen das Deo versagt, auf die spaßferne Schweißfreiheit der deutschen Elektropioniere Kraftwerk. Die haben mit der DJ-Arbeit an der leichten Lebensfreude soviel zu tun wie Stockhausen mit Eisstockschießen. So war es aus ästhetischen Überlegungen eigentlich zu befürworten, dass der Auftritt der technophilen Fortschritts-Verherrlicher am Freitag spätabends ausgerechnet durch eine technische Panne um eine gute Weile verzögert wurde. Dadurch gerieten die unterhaltsamen Beats, die zuvor die Turntablerockers Booka Shade und Monika Kruse in die Beine des Publikums gejagt haben, rechtzeitig in Vergessenheit, bevor die Mensch-Maschine ihren unbeweglichen Auftritt hatte. Und die Freiluftdisco in ein Musik-Museum der Zukunft verwandelte – leider, wie fast den ganzen Tag, bei Regenwetter.

Kraftwerk, das sind jene Herrschaften, die sich am Ende eines Konzertes gerne gegen Roboter austauschen und die selbst auch, wie kürzlich das Ausscheiden des Mitbegründers Florian Schneider gezeigt hat, durchaus ersetzbar sind. Unbeweglich verharren sie bei den Auftritten hinter vier Laptops, und der Himmel weiß, was sie die ganze Zeit machen, während Songs wie “Model”, “Trans Europa Express”, “Computerwelt” oder “Radioaktivität” abschnurren. Das Einzige, das sich bewegt, sind die Projektionen im Hintergrund. Kraftwerk, das war ein hochsynthetischer, körperfeindlicher Gegenentwurf zur verschwitzten Rock-Welt der 70er Jahre, das war die Ästhetisierung der Technik in einer Zeit, als der Glaube an den Fortschritt schnell mal als reaktionär galt. Und das ist auch heute noch eine Gegenposition, mittlerweile aber mehr gegen eine Electronic-Szene, der allzu oft die Innovation weniger wichtig ist als die gute Laune.

Inmitten der burgenländischen Erdbeerfelder wurde das “Urban Art Forms” mit dem Kraftwerk-Konzert seinem Namen mehr als gerecht: Die Band zelebrierte städtische Künstlichkeit in einer von Natur überwucherten Welt, eine urbane Kunstform ohne Kompromisse. Einzig in der musikalischen Auseinandersetzung mit der mechanisch-monotonen Sportart Radfahren (“Tour de France”) zollen die Deutschen, die mit ihrer Musik die elektronische Musik auf Jahrzehnte hinaus beeinflusst haben, der menschlichen Körperlichkeit Tribut. Was ja den Kreis zur Künstlichkeit wieder schließt – denn beim Profiradsport wird eben auch nicht immer mit rein natürlicher Kraftanstrengung das Ziel erreicht.

Doping ist überhaupt ein gutes Stichwort: Es bedarf schon eines unnatürlichen Maßes an Durchhaltevermögen, um das Festival in seiner Gesamtheit auszukosten. Neben der Main Stage, wo am Samstag Deichkind und Sven Väth die Hauptacts sein werden, gibt es eine eigene Drum and Bass-Bühne, und wer noch fit ist, wenn diese um 9.00 Uhr in der Früh schließt, kann bis Mittag in der “Afterparty”-Stage weiterfeiern. Zu sehen und zu hören gibt es jedenfalls genug.

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