Kinder, Familie, die Grünen und der Zeitgeist

Die ehemalige Grünen-Bundessprecherin Eva Glawischnig (r.) und ihre Nachfolgerin Ingrid Felipe.
Die ehemalige Grünen-Bundessprecherin Eva Glawischnig (r.) und ihre Nachfolgerin Ingrid Felipe. ©APA/Helmut Fohringer
Gastkommentar von Andreas Unterberger: Es waren ebenso berührende wie auch erstaunliche Sätze, die man in diesen Tagen sowohl von der scheidenden wie auch der künftigen Grünen-Spitzenfrau zu hören bekommen hat.

Die meisten Redaktionen haben damit aber nichts anfangen können. Diese Sätze passen nämlich ganz und gar nicht in das kampffeministische Frauenbild, das die Grünen und damit immer auch die Mehrheit der Journalisten gerne vor sich hergetragen, und das sie ständig der Gesellschaft aufzuzwingen versucht haben (wobei sie allerdings auch etliche Nachplapperer in den anderen Parteien gefunden haben).

Es sind sehr persönliche Bekenntnisse zur Familie, zur jeweils eigenen Familie, welche beide grünen Spitzenfrauen da plötzlich öffentlich abgelegt haben. Ihre Aufgaben in der eigenen Familie waren entscheidend mit im Spiel bei ihren Entscheidungen dagegen, sich von der Politik ganz auffressen zu lassen. Diese Bindung an die Familie war weit wichtiger bei ihrer Entscheidung als etwa die ständigen Beschimpfungen, denen man als Politiker (und auch Journalist) ja ständig ausgesetzt ist, was jetzt manche linke Journalisten als Hauptgrund der Glawischnig-Entscheidung darzustellen versuchen. Denn ginge es primär nach der Menge der Beschimpfungen und Attacken, dann müssten sich ja vor allen anderen blaue Politiker aus der Politik zurückziehen.

Was das Ganze so besonders erstaunlich macht, und was so viele linke Medien deshalb irritiert: Familie ist bisher als Wort, als Wert für Grüne prinzipiell igitt gewesen. Sie haben bisher immer jeden, der wertschätzend über Familie und Familienpflichten spricht, sofort mit Verachtung und pejorativ mit dem Adjektiv „erzkonservativ“ belegt.

Jedoch Eva Glawischnig im O-Ton bei ihrer Rücktritts-Verkündigung: „… in aller Offenheit: Ich habe eine Familie, ich habe zwei wunderbare Kinder, zwei Söhne.“ Und dann nochmals: „Ich habe gegenüber meiner Familie eine Verantwortung und meinen Kindern, dass ich gesund bleibe, dass ich in voller Gesundheit für sie da bin.“

Vieles hätte ich erwartet, aber nicht, jemals solche Worte von der grünen Parteichefin zu hören. Jedoch ganz ähnlich auch ein paar Tage später dann die Begründung der Tiroler Grünen-Chefin Felipe, warum auch sie nicht als grüne Spitzenkandidatin zur Verfügung steht (sondern nur als Teilzeitparteichefin). Auch sie erinnert an ihre Familie, an einen „dreizehnjährigen pubertierenden Burschen“, der „nicht zwingend die Mutter dauerhaft und schon gar nicht nach Wien entschuldigen möchte“.

Keine der beiden hat davon gesprochen, dass die Sorge für die Kinder eine Last wäre, dass wir leider in einer furchtbar frauenfeindlichen Gesellschaft leben, dass es leider keine Ganztagsschulen gäbe, dass sich Väter leider der Familienpflichten entziehen würden. Nein, nichts von den üblichen linken Phrasen war zu hören. In beiden Fällen klang das Bekenntnis zur Familie, zur Priorität für die eigenen Kinder, zur Liebe zu ihnen wirklich nach einer Herzensentscheidung.

Dabei geht es jeweils wohlgemerkt um Kinder, die dem dritten Lebensjahr schon entwachsen sind. Dabei war dieses dritte Lebensjahr bisher im Weltbild der Grünen gleichsam als Ende der Kinder-Herausforderung erschienen, weil spätestens bis dahin Kinder in einen Kindergarten entsorgt sein sollten, deren ausreichendes Vorhandensein die einzige familienpolitische Herausforderung sei. Nach dem dritten Geburtstag  kommen in der grünen Propaganda ja praktisch keine Kinder vor.

Und jetzt zeigt sich das wirkliche Leben plötzlich so ganz anders.

Als beim Rücktritt des ÖVP-Chef ebenfalls von Familie die Rede war, war das für die linke Medienwelt ja noch irgendwie selbstverständlich. Typisch ÖVP halt, dass man dort so denkt und spricht. Aber bei ihrer Herzenspartei war ein doppeltes Familienbekenntnis der herdenprogressiven linken Medienszene dann peinlich, weshalb sie diese Aussagen weitgehend ignoriert haben.
Es waren ja neben den Grünen auch vielfach die Medien selbst, die jede Frau, die ihrer Familie Priorität gegeben hat, als dummes Opfer des Patriarchats hingestellt haben.

Im wirklichen Leben freilich können wir ununterbrochen eine freiwillige, emotional tief sitzende Entscheidung der ganz großen Mehrheit der Menschen und ganz besonders der Frauen für die eigenen Kindern beobachten, für deren Priorität vor allem anderen. Mag sein, dass das hormonelle Ursachen hat, dass Eltern, dass fast jede Frau anders denkt und handelt, sobald sie eigene Kinder hat, dass dann das oft dumme Geblöke, das kinderlose Journalistinnen und Aktivistinnen von sich geben – „Hach, wie werden wir diskriminiert“ – schlagartig ganz anderen Sichtweisen weicht.

Die wirklichen Wünsche der Menschen werden auch wissenschaftlich bestätigt, etwa durch eine Studie (Sabine Diabate und S.K. Ruckdeschel in Zeitschrift für Familienforschung 28(2016)). Ihr zufolge sagen 85 Prozent der Menschen etwas diesem üblichen familienverachtenden Geblöke völlig Widersprechendes: „Es ist wichtig, eigene Kinder zu haben“. Und 72 Prozent: „Viele Kinder zu haben, ist etwas Wunderbares.“

Das ist eine eindrucksvolle Mehrheit. Trotzdem glauben heute viele Menschen, die so denken, angesichts des medial-politisch vorgespiegelten Zeitgeistes mit solchen Wünschen heute einsame und bald aussterbende Außenseiter zu sein.

Besonders interessant ist noch etwas, was diese Studie herausgefunden hat: „Den Wunsch nach vielen Kindern äußern besonders häufig die jüngeren und gut gebildeten Menschen.“ Die gut gebildeten! Umso ärgerlicher ist es, dass sich die politische Debatte überhaupt nicht mit dem Problem zu befassen wagt, warum dann gerade Akademikerinnen bei uns fast zur Hälfte lebenslang keine Kinder haben.

Haben wir noch nicht begriffen, wie problematisch es langfristig in vielerlei Hinsicht wird, dass das Kinderkriegen in der Realität mehrheitlich Zuwandererinnen überlassen ist? Wie kann die Gesellschaft gerade den gut gebildeten jungen Frauen bei der Wunscherfüllung helfen? Was ist die Ursache der Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit? Sind sie zu wählerisch geworden bei der – zugegeben immer schwierigen – Suche nach Partnern? Hängt das gar mit der wachsenden Unterzahl akademischer Männer zusammen, wo doch andere Studien zeigen, dass Frauen primär sozial aufsteigend heiraten wollen? Sind sie während der fürs Kinderkriegen relevanten Jahre zu sehr von den (langfristig für Frauen wie Männer ohnedies oft trügerischen) Karriere-Ambitionen behindert? Warum ermöglichen viele Strukturen und Altersgrenzen Frauen nicht die Karriere auch erst NACH den Kinderjahren? Ist vielleicht gerade in Österreich das frühere Frauenpensionsalter auch diesbezüglich eine Diskriminierung von Frauen? Warum wird nicht offen davon gesprochen, dass Kinder auch bis zu ihrem 14. oder 18. Geburtstag nicht nur eine finanzielle, sondern auch emotionale und Zeit fordernde Aufgabe sind, eine für die Gesellschaft wichtige Aufgabe? Warum wird der hohe Anteil von – freiwillig! – teilzeitarbeitenden Frauen immer kritisiert und nicht als präzise Erfüllung  des Wunsches vieler Frauen gepriesen, eben ungerstresst mehr Zeit für Kinder und Familie haben zu wollen?

Nicht dass ich die perfekten Antworten auf all diese Fragen hätte. Aber dennoch schmerzt, dass sie oft gar nicht gestellt werden dürfen. Dass gerade auch die grünen Politikfrauen, die sich jetzt so berührend ehrlich äußern, und ihre Epigoninnen in den Redaktionsstuben mitschuld daran sind, dass das alles nicht offen diskutiert wird.

Wir sehen, dass das lange laut propagierte grüne Menschenbild irgendwann in der Mitte des Lebens zu einer postpubertären Illusion zusammensinkt, dass es dann immer mehr ins Klassisch-Konservative mutiert.

Was sich ja auch bei einigen deutschen Grünen zeigt, beim Stuttgarter Ministerpräsidenten Kretschmann etwa. Was sich auch an einem Ex-grünen Präsidentschaftskandidaten gezeigt hat, der das ganze Land in Riesenbuchstaben mit dem Wort „HEIMAT“ zupflastern hat lassen. Was sich auch an einem Peter Pilz zeigt, der viele Aspekte der Migration wie etwa Doppelstaatsbürgerschaften geißelt.

Was aber hat das alles eigentlich noch mit der grünen Urgeneration zu tun, die sich mit den „Bullen“ Straßenschlachten geliefert haben, die Gesellschaft, Kapitalismus und Patriarchat sprengen wollten? Und verstehen jetzt vielleicht die Grünen endlich, warum halt für zeitaufreibende Spitzenfunktionen in Politik und Wirtschaft, in Aufsichtsräten und Nationalräten, und in vielen Jobs mit 80-Stunden-Wochen sich viel leichter und häufiger Männer finden? Und hören die kinderlosen Frauen endlich auf, sich über Mütter und deren Prioritäten giftig den Mund zu zerreißen?
PS: Das “schon gar nicht nach Wien” von Frau Felipe wäre schon wieder eine ganz andere Analyse darüber wert, wie furchtbar einem Tiroler Wien anmuten muss …

Der Autor war 14 Jahre Chefredakteur von “Presse” bzw. “Wiener Zeitung”. Er schreibt unter www.andreas-unterberger.at sein “nicht ganz unpolitisches Tagebuch”, das heute Österreichs meistgelesener Internet-Blog ist.

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