Interview zu den Obdachlosen am Praterstern mit Markus Bettesch

Markus Betteschs Klienten
Markus Betteschs Klienten ©vienna.at/Paul Frühauf
Zum Thema Obdachlose am Praterstern haben wir mit Diplom-Sozialarbeiter Markus Bettesch gesprochen, der jeden Tag vor Ort im Einsatz ist und daher eine einzigartige Perspektive auf die Probleme am Bahnhof hat.
Lokalaugenschein am Praterstern

Vienna.at: Von wie vielen obdachlosen Personen wird der Praterstern frequentiert?
Markus Bettesch: Das ist nicht leicht zu sagen, da die Fluktuation  je nach Witterung  hoch ist und nicht nur wohnungslose Menschen den Ort als Aufenthaltsort nutzen.  Es bewegt sich in der Größenordnung zwischen 20 und  70 Personen. Der Praterstern wird täglich von rund 20.000 Personen frequentiert.

Was sagen Sie zu den Anschuldigungen von Wolfgang Seidl?
Wir haben diese Aussendung gelesen und finden es sehr schade, dass in dieser Weise gegen marginalisierte Menschen und soziale Einrichtungen polemisiert wird. 

Vorfälle können  natürlich vorkommen. Der Hauptpunkt dürfte allerdings sein, dass im Tagesablauf vieler Menschen wahrgenommen werden. Auch möchten viele Leute einfach nicht mit Armut konfrontiert werden. Es ist jedoch so, dass es keine erhöhte kriminelle Aktivität am Praterstern gibt. Das bestätigt auch die Polizei. Es geht hier mehr darum,  ob Menschen gelernt haben, mit irritierenden Situationen umzugehen

Wie kann es in einem ausgebildeten Sozialstaat wie Österreich eigentlich zu solcher Armut kommen?
Es handelt sich entweder um Menschen mit  einer Alkoholproblematik in Verbindung mit einer psychischen  Erkrankung  oder um EU- Bürger, die über die offene Grenze kommen  und auch in Wien keine Perspektiven auf Verbesserung ihrer Situation haben. Diese haben, egal, was Boulevardmedien oder manche Parteien sagen, keinerlei Anspruch auf soziale Leistungen. (Anmerkung der Redaktion: Die zweite Gruft in der Bernardgasse wurde genau für diese Fälle geschaffen, platzt jedoch aus allen Nähten).

Wieso kommen Menschen aus dem EU-Ausland nach Österreich, wenn sie hier auf der Straße stehen?
Das hat zwei Gründe. Erstens verbreiten sich in den Heimatländern Geschichten, Österreich wäre eine Art   ” Schlaraffenland ” , in dem einem ein  besseres  Leben geschenkt wird. Andererseits ist es eine Frage der Perspektive. Wenn es zuhause gar keine gibt, dann ist  die Hoffnung in Wien  eine Verbesserung zu erleben groß.

Wie hat sich die Sichtweise der arbeitenden Bevölkerung verändert?
Das  betrifft einen Großteil der  Gesellschaft. Die Zeiten werden härter, und Menschen, die einer geregelten Arbeit nachgehen und trotzdem immer weniger in der Geldbörse haben, reagieren aggressiver. Im Gespräch merkt man  aber, dass diese  Leute nicht einfach schimpfen, sondern sich sehr wohl Gedanken machen. Die meisten wissen, wie unglaublich schnell dieser Abstieg passieren kann – auch ihnen selbst.Wie hat sich die Lage am Praterstern verändert?
Im Vergleich  zu den letzten Jahren  hat sich die Situation  sehr verbessert.  Es wird allerdings – nicht nur am Praterstern – niemals so sein, dass an einem öffentlichen Ort nur reiche und schöne Menschen zu sehen sind.

Haben Sie konkrete Lösungsvorschläge?
Kleine und große. Am Praterstern wäre zum Beispiel  eine kostenlose, oberirdische Toilette eine  wichtige Maßnahme.  Männer sind oft nicht bereit 50 Cent zu bezahlen und das wirkt sich auf den öffentlichen Raum aus. Dieses Problem kann nur strukurell gelöst werden. Im Großen wünsche ich mir europäische Sozialstandards , damit es keinen Anreiz gibt, von zuhause wegzugehen und woanders auf der Straße zu landen.

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