Intensivmediziner melden starken Anstieg in Spitälern

Die Intensivstationen in Österreich füllen sich wieder.
Die Intensivstationen in Österreich füllen sich wieder. ©APA/HELMUT FOHRINGER
Mit Sorge registriert die Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) den starken Anstieg der Zahl von COVID-19-Patienten, die an Österreichs Intensivstationen behandelt werden. Diese stieg in den vergangenen zwei Wochen um mehr als 23 Prozent an

Die Zahl der Covid-19-Patienten auf Österreichs Intensivstationen ist innerhalb von zwei Wochen um mehr als 23 Prozent gestiegen. Das ist ein deutlich stärkerer Zuwachs als bei den infizierten Spitalspatienten insgesamt mit einem Plus von knapp elf Prozent. Die Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) sprach daher am Montag von einem "besorgniserregenden Anstieg". Die Dominanz der britischen Mutation spiele "zweifellos eine wichtige Rolle".

"Die deutlich leichtere Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch und die höhere Reproduktionszahl dieser Variante ist inzwischen durch wissenschaftliche Evidenz umfassend belegt. Und ein Mehr an Infektionen führt naturgemäß auch zu einer stärkeren Belastung der Intensivstationen", berichtete ÖGARI-Präsident Klaus Markstaller von MedUni Wien/AKH in einer Aussendung.

Regionale Unterschiede in Spitälern

"Die Situation wird wieder deutlich angespannter, wenn auch regional durchaus unterschiedlich stark", erläuterte Markstaller. "Bei Anhalten des aktuellen Trends sind wir sehr rasch wieder soweit, dass noch stärker in den Krisenmodus umgeschaltet werden muss: Also zum Beispiel durch das Verschieben von geplanten Operationen intensivmedizinische Kapazitäten freigemacht werden müssen."

In der "Nacht-ZiB" des ORF-Fernsehehen sagte Markstaller am Montagabend, die Lage sei insofern dramatisch, weil "auch ohne Covid" prinzipiell alle Intensivbetten belegt wären. "Zehn Prozent aller Betten, das sind 200, weil 2.000 gibt es in Österreich, können wir kompensieren, weil es immer eine gewisse Pufferkapazität gibt, aber prinzipiell brauchen wir jedes Intensivbett, und wenn es jetzt gegen 300 sind und die Prognosen Richtung 400 zeigen, dann ist das dramatisch, weil wir dann andere Patienten nicht adäquat versorgen können."

Es werde niemand weggeschickt, präzisierte Markstaller in dem ZiB-Gespräch, "aber wir beginnen jetzt tatsächlich gewisse Operationen, gewisse Behandlungen zu verschieben, obwohl wir gerade dabei waren, diese aufzuarbeiten, die ja schon von der zweiten Welle her verschoben werden mussten." Aktuell fühle es sich an, "als ob sich eine dritte Welle jetzt aufbaut". Impfungen seien gewiss "der besten Weg", doch würde sich das bisher Erreichte auf die Intensivmedizin noch nicht auswirken. Bisher seien in Österreich vor allem Risikogruppen, die "Hochbetagten" geimpft worden, erinnerte Markstaller. "Das sind nicht primär die Patienten, die auf Intensivstationen gekommen wären."

"Wir sind auf den intensivmedizinischen Abteilungen auch jetzt für alle Szenarien und Eventualitäten vorbereitet. Doch die Intensivmedizin ist, bildlich gesprochen, in diesem Spiel die letzte Wiese", betonte Markstaller. "Die spielentscheidenden Akzente für den Pandemieverlauf werden vorher gesetzt: Durch Impfungen, die bekannten Prophylaxe-Maßnahmen und die Entwicklung neuer Behandlungsmöglichkeiten. Hier hat jede und jeder Einfluss auf den weiteren Verlauf. Leider richtet sich das Virus nicht nach einer allfälligen 'Pandemie-Müdigkeit'."

Intensivmediziner wünschen sich Normalität zurück

Auf längere Sicht reiche es nicht aus, dass nur extreme Belastungen abgewendet werden, sondern es sei erforderlich, an den Intensivstationen wieder vom Krisenmodus in Richtung einer weitgehenden Normalversorgung übergehen zu können. Marksteller forderte auch eine bessere Datenlage. "Um die Zahlen der von Personen mit schweren Covid-19-Verläufen belegten Intensivbetten angemessen interpretieren zu können, ist eine einheitliche und klare Definition erforderlich." Aktuell sei nicht auszuschließen, dass es zu unterschiedlichen Zählweisen von Covid-19-Intensivpatienten kommt; etwa ob die Aufnahmediagnose Covid-19 für die Zuordnung relevant ist oder der aktuellen Status der Infektiosität.

Proaktives Krisenmanagement und mehr Grundlagenforschung in allen Disziplinen forderte unterdessen auch Andreas Bergthaler vom Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) am Montag auf Twitter. "Die dieswöchigen Zahlen werden zeigen, dass es statt Öffnungen gezielte Zusatzmaßnahmen gegen die dritte Welle braucht", schrieb der Virologe. Er forderte eine Budgeterhöhung um 50 Prozent für den Wissenschaftsfonds FWF. Das wären rund 120 Millionen Euro, sagte Bergthaler.

(APA/red)

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