In Wien grünt es

Alexander Van der Bellens Wahlsieg gibt den Grünen Aufwind.
Alexander Van der Bellens Wahlsieg gibt den Grünen Aufwind. ©AP Photo/Ronald Zak
Gastkommentar von Johannes Huber. Zumindest in der Bundeshauptstadt haben nach den Sozialdemokraten auch die Freiheitlichen ihre besten Zeiten hinter sich.

Die linke Euphorie über den Wahlsieg von Alexander Van der Bellen ist genauso überzogen wie die rechte Depression über die Niederlage von Norbert Hofer: Die Freiheitlichen könnten zufrieden sein. Sie haben die 46 Prozent für ihren Vizeparteichef quasi im Alleingang zusammengebracht. Auf der anderen Seite sollte sich das Van der Bellen-Lager nicht zu viel einbilden. Die 54 Prozent, die der ehemalige Grünen-Chef erreichte, sind aufgrund der breiten Unterstützung im Rahmen des praktisch Möglichen geblieben; sie sind bemerkenswert, aber nicht sensationell.

Es lohnt sich jedoch, sich die Ergebnisse genauer anzuschauen: Hofer war in der Steiermark, in Kärnten und im Burgenland stark. In einigen Bezirken holte er mehr als 60 Prozent. Wobei es sich in der Regel um Krisengebiete handelte, in denen Abwanderung und Perspektivenlosigkeit herrschen. Van der Bellen dagegen räumte dort ab, wo immer mehr Leute hinziehen. In boomende Städte also; und damit ist in erster Linie Wien gemeint.

Ja, in der Bundeshauptstadt tut sich gesellschaftspolitisch gesehen extrem Spannendes. Und das macht Sozialdemokraten, zunehmend aber auch Freiheitlichen zu schaffen, während die Grünen zuversichtlich sein können. Van der Bellen kam in Wien auf zwei Drittel der Stimmen. In Neubau konnte er gar 82,4 Prozent für sich verbuchen. Okay, das ist ein Bobobezirk; und das sollte daher nicht überbewertet werden. Dass er aber auch in Simmering, Favoriten und Liesing eine deutliche Mehrheit erreichte, ist bezeichnend; das waren einst rote Hochburgen und sind zuletzt blaue Hoffnungsgebiete gewesen.

Van der Bellens Wahlsieg sei „beruhigend“, meinte Bürgermeister und SPÖ-Chef Michael Häupl. Aus seiner Sicht ist das ein Irrtum: Von den Zentrumsbezirken ausgehend wird die Stadt – auch auf Kosten seiner Partei – immer grüner. Bei den Bezirksvertretungswahlen gab es erst vor wenigen Wochen einen entsprechenden Wechsel. Und zwar in der Leopoldstadt am 18. September dieses Jahres. Zur Erinnerung: SPÖ minus 14 Prozentpunkte. Grüne plus 15 Prozentpunkte (und damit Platz eins).

Auch in den Vorstadtbezirken, in denen die Freiheitlichen stark waren, rücken die Wähler immer weiter zu den Grünen. Beispiel Rudholfsheim-Fünfhaus: Dort war die FPÖ bei den Gemeinderatswahlen in den 1990er Jahren erfolgreicher als sie es heute ist. Die Grünen haben ihren Stimmenanteil dagegen verdoppelt.

Der Grund? Wien ist eine geteilte Stadt: Da gibt es viele Menschen, denen es schlecht geht, die wenig verdienen oder überhaupt arbeitslos sind; sie sehen für die Zukunft schwarz. Dort existieren aber auch immer mehr Frauen und Männer, die (oft) eine bessere Bildung und (meist) genug Geld haben, um die vielen Möglichkeiten, die die Metropole bietet, toll finden zu können; sie sind so gesehen privilegiert. Genau sie sind es aber auch, die sich politisch weder von den Freiheitlichen noch von den Sozialdemokraten angesprochen fühlen, sondern vor allem von den Grünen.

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik

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