In Putins Händen

©APA/AFP/ALEXANDER NEMENOV (Symbolbild)
GASTKOMMENTAR VON JOHANNES HUBER. Wien ist besonders abhängig von russischem Gas. In 442.000 Wohnungen wird mit diesem Energieträger geheizt. Der Ernst der Lage ist trotzdem noch bei weitem nicht überall angekommen.

„Für Wien ist derzeit alles unverändert“, erklärte Finanzstadtrat Peter Hanke (SPÖ) am Mittwochabend in einem ORF-Interview: Russland hatte zuvor Polen und Bulgarien den Gashahn abgedreht. Nach Österreich und damit auch in die Bundeshauptstadt werde jedoch nach wie vor geliefert, was bestellt wurde, so Hanke.

Beruhigend ist das nicht. Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat seine Landsleute bereits darauf eingestellt, dass sie bald ebenfalls kein Gas mehr aus dem Reich Wladimir Putins bekommen könnten. Damit ist jederzeit zu rechnen.

Gut, Österreich ist neutral, beteiligt sich an keinen Waffenlieferungen an die Ukraine und damit auch an einem Grund weniger, Putin gegen sich aufzubringen. Die Sache ist jedoch die, dass man sich bisher gemeinsam mit Deutschland gegen einen Importstopp aussprechen konnte. Das verlieh der Position Gewicht. Sollte Deutschland nun kein Gas mehr erhalten, wird sich das ändern, steht die Alpenrepublik ziemlich einsam da, um nicht zu sagen verloren.

Das würde auf ein Problem hinauslaufen, das Wien doppelt trifft: Österreich insgesamt ist zu 80 Prozent von russischem Gas abhängig. Fällt das weg, leiden nicht nur Industriebetriebe und längerfristig auch die Haushalte im Allgemeinen darunter. Im Besonderen tun es die Haushalte in Wien. Jeder zweite, der vom Boden- bis zum Neusiedlersee mit Hilfe von Gas beheizt wird, befindet sich in der Bundeshauptstadt. Laut Statistik Austria handelte es sich hier allein 2019/2020 um 442.000, um genau zu sein. Schlimmer: 390.000 hingen an der Fernwärme, bei der zum Teil ebenfalls Gas zum Einsatz kommt.

Das ist eine echte Falle. Man befindet sich gewissermaßen in Putins Händen. Fünf bis zehn Jahre wird es laut Verfassungsministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) dauern, um die Abhängigkeit deutlich zu reduzieren. Sofern man nicht schon früher dazu gezwungen wird. In zehn Jahren ist Putin fast 80.

Der Unernst, mit der die Politik zumindest nach außen hin auf das Problem reagiert, ist beklemmend: In Wien werden ein paar Förderprogramme für einen Umstieg weg vom Gas aufgelegt. Das wird in absehbarer Zeit jedoch wenig bringen. Man kann sich wundern darüber, dass nicht einmal Nahliegendes groß angegangen wird: eine Energiesparkampagne. Lächerlich? Es würde vor allem dazu führen, dass der Ernst der Lage noch mehr Menschen bewusst wird.

Das wäre ein erster Schritt hin zu einem viel wichtigeren zweiten: Wie kann man dafür sorgen, dass zum Beispiel schon im kommenden Winter ein erträgliches Leben ohne russisches Gas möglich ist? Wie und wo lassen sich auf die Schnelle Alternativen realisieren? Dazu braucht es einen Notfallplan, an dessen Erstellung sich möglichst viele beteiligen. Jetzt.

Johannes Huber betreibt den Blog dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik

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