Harlan

"Harlan -  Im Schatten von Jud Süß": Gleichzeitig mit "Jud Süß -  Ein Film ohne Gewissen" läuft eine Doku über Regisseur Veit Harlan und die Erinnerungsarbeit seiner Kinder und Enkel.

Als beim ersten Interviewpartner der Name Harlan als Insert eingeblendet wird, reißt es den Zuschauer kurz. Zu sehr ist dieser Name, ähnlich wie bei seiner Kollegin Leni Riefenstahl, mit den Schrecknissen des Dritten Reichs verbunden. Eine Erfahrung, von der auch die Mitglieder der Familie erzählen. Ihren Vater, Großvater oder Onkel kannte jeder. Veit Harlan war in der NS-Zeit viel beschäftigter Filmregisseur, vor allem aber gilt seine 1940 gedrehte “JudSüß“-Verfilmung als abschreckendstes Beispiel antisemitischer Propaganda. Felix Moellers Dokumentation “Harlan – im Schatten von JudSüß” läuft, quasi als Begleitprogramm zu Oskar Roehlers “JudSüß – Ein Film ohne Gewissen”, ab Freitag (24.9.) in Österreich.

Während sich Roehler vor allem dem Darsteller Ferdinand Marian (gespielt von Tobias Moretti) widmet und es dabei mit der historischen Wahrheit nicht allzu genau nimmt, steht bei Moeller die Person des Regisseurs im Mittelpunkt: Zweimal wurde Veit Harlan (1899-1964) nach Ende des Zweiten Weltkriegs wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, beide Male freigesprochen. Über den Prozess erfährt man kaum etwas. Auch über die Gründe, die dazu führten, dass der Regisseur den Auftrag von Propagandaminister Joseph Goebbels annahm und aus der zu Anfang des 18. Jahrhunderts in Württemberg spielenden Geschichte um den Aufstieg des jüdischen Finanzberaters Joseph Süß Oppenheimer ein manipulatives Machwerk fertigte, das den Judenhass der Bevölkerung weiter anfachte, wird kein historisches Material zusammengetragen. Stattdessen lässt Felix Moeller die vielköpfige Familie erzählen und setzt daraus ein Puzzle der Erinnerung zusammen.

Dieses Vorgehen lässt genau dort, wo man sich selbst zu wenig informiert fühlt, eine Leerstelle offen. Die wenigen Originalausschnitte des Films, der verpflichtendes Kulturprogramm für die SS wurde und nach manchen Vorführungen zu Ausschreitungen geführt haben soll, lassen Machart und Wirkung nur erahnen. “Ein antisemitischer Film, wie wir ihn uns nur wünschen können”, schwärmte Goebbels. Sehr unterschiedlich reagierten Harlans Söhne, Töchter und Enkel auf den Film, als sie ihn endlich sehen konnten. Von “Habe ich mir schlimmer vorgestellt” bis zu “ein Mordinstrument” reicht die Palette der Reaktionen. Hier schafft es die Dokumentation, ihr Thema exemplarisch auszuweiten. Indem er den Erinnerungen und Gedanken der Familie breiten Raum gibt, wird “Harlan – Im Schatten von JudSüß” zu einem Beispiel für den Umgang mit der Vergangenheit weit über den Anlassfall hinaus.

Bittere Anklage, Fassungslosigkeit und Distanzierung bis zum Versuch des Verstehens – alles findet sich unter den Nachgeborenen. Auch Kristina Söderbaum, Harlans erst 2001 gestorbene dritte Frau, bevorzugte Schauspielerin ihres Gatten und Mitwirkende in “JudSüß“, kommt in einem Archiv-Interview kurz zu Wort. Sie klagt darin über die Tragödie des Films – und meint damit nicht seinen Gebrauch als ein Werkzeug zur Vorbereitung des Holocaust, sondern seine negative Auswirkung auf das weitere eigene Leben. Zwischen dem Drehen von “JudSüß” und der als Diffamierung und Ausgrenzung empfundenen Reaktion der Nachkriegsgesellschaft stand allerdings ein weiterer Propagandafilm: “Kolberg”, der 1945 in die Kinos kam, war die teuerste Filmproduktion des Dritten Reichs. Und wieder lieferte Harlan den Nazis genau das, was sie bestellt hatten: eine einzige filmische Durchhalteparole.

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